Die Galerie des Henri Beauchamp

Wenn Sie diese winzige, schmuddelige, einstöckige Bar in Paris besuchen, und der richtige Barkeeper an diesem Abend hinter dem Tresen steht, können Sie vielleicht eine sehr exklusive Galerieausstellung mit den verlorenen Werken eines Henri Beauchamp sehen. Aber um hineinzukommen, müssen Sie beweisen, dass Sie ein Bewunderer des Künstlers sind.

Sie werden klar und deutlich gefragt werden: „Was möchten Sie sich in dieser glorreichen Nacht zu Gemüte führen?“ Antworten Sie auf jeden Fall mit „Absinth“. Jedes andere Getränk, ob Whiskey oder Wasser, wird Sie im Schlaf umbringen.

Versuchen Sie nicht, den Barkeeper zu überlisten; die Tür hinter Ihnen ist verriegelt. Sie müssen trinken, was er Ihnen gibt, Todesurteil hin oder her. Dass Ihnen ein so mächtiger Mann eine Audienz gewährt, sollte genügen. Außerdem habe ich gehört, dass die Sterbenden seine Drinks während ihres Todeskampfs gelobt haben.

Wenn Sie es bis hierher schaffen, ohne Ihr Schicksal zu besiegeln, wird der Barkeeper sagen: „Gehen Sie mit dem sorgsam um; er ist der Beste, den ich habe.“ Nun haben Sie zwei Möglichkeiten. Die erste ist, wortwörtlich zu sagen: „Ich habe meine Tapferkeit überschätzt und ich wünsche Ihnen einen guten Abend.“ Wenn der Barkeeper nickt, können Sie durch die Tür gehen, durch die Sie hereingekommen sind, ohne jeglichen Gewinn oder Verlust (außer der Zeit, die Sie hier verbracht haben).

Sie können auch weitermachen.

Sie werden ein Glas mit einem siebeneckigen Rand erhalten, wobei sich jede Seite so lange um die Schale dreht, bis sich ein schlanker und einfacher Stiel bildet. Außerdem werden Sie einen sehr, sehr, sehr speziellen, wie einen Schlüssel geformten Absinthlöffel erhalten. Die Löcher an seiner Spitze dienen als Abfluss für den Alkohol, den man über den Zuckerwürfel gießt. Außerdem erhalten Sie eine unbeschriftete Flasche, deren Etikett schon vor langer Zeit entfernt wurde und an deren Seiten Papierfetzen kleben, die vom Moder vergangener Jahrzehnte bedeckt sind.

Der Löffel ist ganz flach, hat aber zwei unterschiedliche Seiten: eine mit einer Rille entlang des Schlüsselschafts und eine ohne. Drehen Sie den Schaft so, dass die Rille nach unten zeigt. Wenn Sie ihn mit der Spitze nach oben verwenden, wird Ihr Absinth faulig schmecken, Ihre Nase wird brennen und Ihre Augen werden vor unaussprechlichen Schrecken, die nicht von dieser Welt sind, in ihren Höhlen verschrumpeln.

Wenn der Löffel richtig herum liegt, können Sie den Absinth wie gewohnt zubereiten (Zucker auf den Löffel geben und den Alkohol darüber gießen, damit er seine Farbe und seine „besonderen Eigenschaften“ erhält).

Sagen Sie „Prost“ zu Ihrem Freund, dem Barkeeper. Dann stoßen Sie an. Wenn Sie das nicht tun, wird der Absinth jedes Innere, das er berührt, mit der Kraft und dem Schmerz von Schwefelsäure verbrennen.

Wenn Sie es richtig gemacht haben, geht das ohnehin schon schummrige Licht aus und die Dunkelheit erfüllt die Bar. Haben Sie keine Angst, denn die Dunkelheit bedeutet, dass Sie für die Ausstellung zugelassen sind. Warten Sie und seien sie schweigsam wie ein Toter, ansonsten könnte der Barkeeper beschließen, dafür zu sorgen.

Irgendwann (nach nicht allzu langer Zeit, etwa zwei bis drei Minuten,) wird ein grüner Scheinwerfer hell auf eine Tür an der hinteren Wand der Bar leuchten. Der Raum wird in grünes Licht getaucht, und zwar nicht nur vom Scheinwerfer. Kleine leuchtende Kugeln werden sanft um Sie herumschweben, und der Barkeeper wird nicht mehr da sein... und auch kein anderer unscheinbarer Gast, der sich zuvor im Raum befand.

Noch besteht keine Gefahr. Betrachten Sie die Bar vorerst als einen sicheren Ort. Wenn Sie den Absinth nicht ausgetrunken haben, müssen Sie das nicht, aber Sie könnten den Alkohol gebrauchen. Nehmen Sie auf jeden Fall den Löffel und schieben Sie ihn in das Schlüsselloch des Türknaufs der grün beleuchteten Pforte. Der Schlüssel wird perfekt passen und das Ende des Schlüssellochs mit einem lauten Klicken erreichen.

Im Inneren befindet sich ein kleiner Aufzug mit der schönsten Frau, die sich ein sterbliches Auge vorstellen kann, und sie ist in einem solchen Winkel in grünes Licht eingehüllt, dass sich das Licht hinter ihr in der Form von Flügeln bricht.

Die Grüne Fee selbst wird Sie fragen: „Wollen Sie nach oben?“ In Anbetracht all der Schwierigkeiten, die Sie bereits hinter sich haben, wäre es naheliegend, mit Ja zu antworten.

Jetzt müssen Sie noch eine weitere Hürde nehmen. Sobald Sie die Schwelle zwischen der Bar und dem Fahrstuhl überschreiten, wird die Frau Sie fragen: „Wie würden Sie den Surrealismus von Beauchamp mit dem von, sagen wir mal, René Magritte vergleichen?“ Als Antwort müssen Sie sagen: „Ich bin heute Abend gekommen, um mehr als nur Kunst zu sehen.“

Wenn Sie das nicht tun, geht das grüne Flutlicht aus, die Türen schlagen zu und der Aufzug stürzt in eine scheinbar unendliche Schwärze. Dies geschieht, bevor ein rotes Licht heller wird und der Aufzug sich den Abgründen der Hölle nähert.

Wenn Ihr Aufzug nun anfängt, nach oben zu fahren, wird auch das grüne Licht erlöschen, und das kühle Leuchten des Mondes wird seinen Platz einnehmen. Aber bevor Sie es merken, wird der Aufzug das obere Ende seines... nun, nennen wir es der Einfachheit halber einen Schacht, erreicht haben.

Ich bin mir da nicht so sicher wie die anderen, aber ich habe gehört, dass Ihnen die Grüne Fee beim Verlassen des Fahrstuhls einen Kuss auf die Wange geben könnte. Wenn sie das tut, werden Sie für immer mit einer kreativen Inspiration gesegnet sein: einer ständigen, sich ständig wandelnden Muse. Sie können der Fee keinen Kuss geben und Sie können auch keinen Kuss von ihr verlangen; sie muss Ihnen einen aus eigenem Entschluss geben. Wenn nicht… nun, dann eben nicht, aber es ist sinnlos, sie zu zwingen und die Frau zu verärgern, die über so viele Jahre hinweg für die Sicherheit der Beauchamp-Gemälde verantwortlich war.

Vom Aufzug aus betreten Sie einen Salon aus der Jahrhundertwende mit einem großen Plakat von Henri Beauchamp auf der linken Seite der gegenüberliegenden Wand. Auf der rechten Seite befindet sich eine Tür.

Man sollte sich die Zeit nehmen, das Plakat zu lesen, denn es erklärt die Bedeutung von Monsieur Beauchamp. Er war in den 1920er Jahren ein um Anerkennung kämpfender Surrealist, der stets versuchte, seine Kunst frei von jeglichem Vorbedacht zu gestalten. Schließlich gelang ihm das auch. Nach einer Nacht in einer winzigen, schäbigen, einstöckigen Bar in Paris begann er nämlich… Muster zu malen.

Zunächst waren es geometrische Muster. Dann ganze Fraktale. Dann Bilder, die am nächsten Tag in der Zeitung zu sehen sein würden. Dann in der nächsten Woche. Dann von vor fünfzig Jahren. Einhundert Jahre in der Zukunft, zweihundert Jahre in der Vergangenheit…

In seiner letzten Lebensnacht entführte Beauchamp nachts drei junge Mädchen aus ihrer Heimat, ermordete sie und malte seine schönsten Meisterwerke in Rot- und Gelbtönen mit ihrem jungfräulichen Blut und ihrer Galle. Unmittelbar nachdem er genau 13 dieser Werke geschaffen hatte, beging er Selbstmord.

Diese Werke sind hinter der Tür zu finden.

Die ersten sechs zeigen, von links nach rechts: die Entstehung des Universums, das einzig wahre Antlitz Gottes (wie es für die Augen des Menschen sichtbar ist), das wahre Bild Jesu Christi, die sich ausbreitenden Wolken des Himmels, alle Päpste vom ersten bis zu noch unbekannten Gesichtern, und ein Porträt von Jesu Erscheinen bei seiner Wiederkunft.

Nun, sechs und sechs macht zwölf. Doch was ist mit dem dreizehnten?

Dieses dreizehnte Gemälde ist an seinem Nagel umgedreht, das Bild ist der Wand zugewandt. Der Bereich um das Bild herum ist in einem großen Halbkreis mit einem Seil abgesperrt, und unter dem umgedrehten Bild befindet sich ein Hinweisschild in drei Sprachen. Die obere steht in Schriftzeichen der Seraphim, die untere in den Runen der höchsten dämonischen Orden und die mittlere in römischen Buchstaben.

NICHT.

BERÜHREN.

Also, wie beim Kuss kann ich Folgendes nicht mit so viel Gewissheit sagen, aber immerhin… ich habe gehört, dass Beauchamp, als er starb, irgendwie seine Haut entfernte, auch seine inneren Organe und sogar seine Seele, und mit diesen Dingen eine Art Collage fertigte. Wie er seinen toten Körper nahm und ein solch grauenhaftes Meisterwerk schuf, konnte ich nie erklären, und ich würde es auch nie wagen.

Also... wenn Sie es schaffen, können Sie vielleicht das Gemälde umdrehen und es mir irgendwann mal erzählen? Bei einem Drink, vielleicht.


Originaltitel: The Gallery of Henri Beauchamp

Autor: N/A

Link zum Original: https://creepypasta.fandom.com/wiki/The_Gallery_of_Henri_Beauchamp

Übersetzer: Creepostad M

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