Blue Kings

 Der Begriff „synthetische Droge“ bezieht sich auf eine neue Drogensorte auf dem Markt, die geschaffen wurde, um bestehende Gesetze bezüglich illegaler Drogen zu umgehen. Tausende von psychoaktiven Substanzen sind durch das Bundesgesetz über kontrollierte Substanzen (Controlled Substances Act) geregelt. Bei der Herstellung synthetischer Drogen verändern die Hersteller jedoch die chemische Struktur einer illegalen Droge, um ein „Analogon“ oder ein Derivat dieser Droge zu schaffen. Das macht sie tatsächlich legal.

Hersteller synthetischer Drogen sind bei der Vermarktung ihrer Produkte sehr gerissen. Das weiß man ja. Darüber hinaus ist auch bekannt, dass synthetische Drogen eine Vielzahl von Nebenwirkungen haben, die von Person zu Person unterschiedlich sein können – oft sind es mangelnde Schmerzempfindlichkeit, Halluzinationen und ein stark beeinträchtigtes Urteilsvermögen.

Inwieweit diese Fakten und Statistiken für mich wichtig sind, weiß ich nicht, und ich weiß auch nicht, was mir passiert ist. Aber... ich brauche Antworten, Antworten auf gefährliche Fragen. Fragen, die ich nicht stellen sollte.

Ich arbeitete nachts im Sunshine America – einer heruntergekommenen 24/7-Tankstelle in den Elendsvierteln von Downtown. Nur dort arbeitete ich jemals in der Nacht, aber ich arbeite dort nicht mehr. Mir ist dort etwas ziemlich Beschissenes passiert.

Zur Veranschaulichung: es war eine typische Aprilnacht und es war stockdunkel, als ich auf den Parkplatz fuhr. Und bis auf einen unerwarteten Regenschauer verlief alles ganz gewöhnlich.

Ich zählte mein Geld, überprüfte sorgfältig die Lottozahlen, kochte Kaffee und kaufte mir dann ein Monster und eine Tüte Maiskörner für die Nacht und holte meinen Laptop heraus, um mir die Zeit zu vertreiben.

Normalerweise schrieb ich während meiner Schichten drauflos und schickte allen, die wach waren, Textnachrichten. Irgendwann ging meine Freundin ins Bett und ich hatte niemanden mehr, dem ich schreiben oder mit dem ich reden konnte. Ich beschloss, meinen Kumpel Mike anzurufen – der arbeitete auch nachts. Wir unterhielten uns eine Weile, während ich versuchte, meine Schreibblockade zu überwinden. Ich hatte allerdings höllische Kopfschmerzen, was nicht gerade zur Inspiration beitrug.

Irgendwann in der Nacht fuhr ein Truck auf den Platz. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich ihn kommen sah. Vielmehr war er einfach da, als ich aus dem Fenster schaute. Ich bemerkte selten Autos, die an die Tankstelle fuhren, es sei denn, sie hatten einen verkackten Auspuff oder einen übertrieben lauten Bass. Dieses Fahrzeug sah jedoch zwielichtig aus – ein Auto, von dem ich vermuten würde, dass es vorpumpt und sich dann vor dem Bezahlen drückt.

Das war vielleicht ein Teil; ein alter, schwarzer Pickup, zerfressen von gnadenlosem Rost. Er hatte so eine riesige Delle auf der Fahrerseite und einen kaputten Scheinwerfer. Sah aus, als wäre der Arsch gegen einen Baum gefahren. Ein Nummernschild hatte er auch nicht. Ich beschloss, ihm keine Freigabe zu geben, falls er versuchen würde, im Voraus zu bezahlen. Kein Nummernschild zu haben, war schon Grund genug. Ich widmete mich wieder dem Schreiben und dem Versenden von Textnachrichten und im Grunde genommen tat ich nichts. Als ich endlich aufstand, um den Laden zu fegen, hatte ich den kuriosen Pick-Up Truck schon vergessen.

Zumindest bis ich ihn sah – immer noch mit röhrendem Motor an Zapfsäule 4. Im Nachhinein kam mir die ganze Sache sehr dubios vor, aber damals war ich einfach nur verwirrt. Der Typ hatte noch überhaupt nicht getankt. Er war auch nicht gekommen, um Kippen oder etwas zu trinken zu holen oder so. Ich nahm den Eimer mit Waschflüssigkeit in die Hand – damit es so aussah, als hätte ich einen Grund, nach draußen zu gehen – und öffnete die Tür. Und kaum hatte ich das getan, heulte der Motor auf und die Reifen quietschten.

Ich war baff, als der Typ aus der Tankstelle bretterte.

Eine Zigarette flog aus seinem Fenster und sprühte orangefarbene Funken auf den Asphalt. Der Truck war in Sekundenschnelle auf der Straße. Ich ging zu dem Zigarettenstummel hinüber und stampfte ihn aus. Er war zwar nicht in der Nähe der Zapfsäulen, aber ich fühlte mich trotzdem ein bisschen paranoid.

Eine Zeit lang dachte ich über den Truck nach. Ich wandte mich damit an Mike und er antwortete mir, dass der Typ vielleicht den Ort auskundschaften wollte, um ihn auszurauben. „Ja, schon möglich“, war meine Antwort. „Ich werde es meinem Chef morgen früh erzählen.“ Vor Überfällen hatte ich noch nie Angst. Ich würde das Bargeld, egal wie viel ich davon in der Kasse habe, bereitwillig aushändigen.

Das Geld ist nichts, wofür es sich zu sterben lohnt, und die Geschäftsleitung kann mich mal.

Unbeeindruckt fegte ich drinnen, füllte die Kühltruhe auf, zählte die Zigaretten und hatte immer noch vier Stunden totzuschlagen. Normalerweise wird es gegen 2:30 Uhr unerträglich langsam, aber es war auch vorher schon verdammt langsam gewesen. Ich machte einen routinemäßigen Rundgang durch den Laden, um nach dem Rechten zu sehen. Meine Schreibblockade lastete immer noch schwer auf mir und Mike antwortete immer langsamer.

Irgendwann bemerkte ich, dass auf meinem Kassen-Display das „Papiermangel“-Symbol für Zapfsäule 4 aufleuchtete. Das war komisch, weil ich mich schon lange an niemanden erinnern konnte, der an dieser Zapfsäule zum Tanken anhielt. Aber andererseits kommen und gehen viele Leute, während ich mit der Kühltruhe beschäftigt bin, und ich merke es nicht.

Ich nehme die Zapfsäulenschlüssel und eine neue Rolle Papier und gehe nach draußen. Eine schöne Nacht. Ich beschloss, eine Rauchpause einzulegen, sobald das erledigt war. An diesen Gedanken erinnere mich, weil ich mich auch lebhaft an den Eindruck des kosmischen Zufalls erinnere, der mich beim Zugehen auf die Zapfsäule überkam.

Zuerst dachte ich, es seien blaue L&Ms, nur wegen der Farbe der Schachtel. Aber als ich die Zigaretten oben auf der Zapfsäule nahm, war ich erstaunt, keinen Markennamen zu erkennen. Kein Design. Kein Warnhinweis. Kein Strichcode. Keine Seriennummer. Absolut nichts, aber die Packung war ungeöffnet. Und damit meine ich, dass sie noch in der Plastikfolie war.

Ich weiß noch, dass ich dachte: sind das überhaupt Zigaretten?

Aber jede Nacht räumte ich etwa hundert von diesen scheiß Dingern ins Sortiment ein und diese Schachtel kam mir durchaus wie eine Zigarettenschachtel vor.

Mehr aus Neugier öffnete ich sie und überprüfte ihren Inhalt – und tatsächlich, es waren Zigaretten. Und sie sahen auch ziemlich normal aus.

Man darf aber nicht vergessen, dass ich achtzehn war. Gratiskippen waren ein Grund zum Feiern – ein glücklicher Fund – nichts Verdächtiges oder auch ganz und gar nicht etwas allzu Ungewöhnliches. Ich dachte mir, jemand hatte sie hier liegen lassen. Und sie waren wahrscheinlich von einer ausländischen Marke. Auweia, vielleicht war es auch ein Fehldruck.

Was soll’s, das Siegel war nicht gebrochen, deshalb vermutete ich, dass die Zigaretten nicht verpfuscht sein konnten. Dasselbe gilt auch für Bier, oder? Und da sie überhaupt eine Plastikverpackung hatten, waren sie meiner Logik nach auch echt.

Ich bin mir sicher, dass ihr inzwischen zu dem Schluss gekommen seid, dass an diesen Zigaretten etwas faul war. Warum sonst würde ich meine Entscheidung begründen, eine zu rauchen? Ihr liegt richtig.

Und so rauchte ich eine. Eine halbe. Sie schmeckte irgendwie nach Metall, deshalb habe ich sie nicht fertig geraucht. Ich aschte das Ding aus und stand lange Zeit draußen. Mein Kopfweh war völlig verschwunden. Ich erinnere mich, dass ich ganz, ganz lange auf den Müllcontainer gestarrt hatte, bevor ich dachte, dass ich wirklich müde war und das Gefühl hatte, dass ich gleich umfallen würde.

In diesem Moment hielt ich es weder für falsch noch für komisch, mich hinzusetzen. Dann legte ich mich auf die Seite. Ich fühlte mich wirklich komisch, aber ich erinnere mich, dass ich nicht dachte, dass irgendetwas nicht in Ordnung sei.

Bevor ich fortfahre, will ich noch sagen, dass meine Freundin schon immer Angst vor der Dunkelheit hatte. Sie sagt, dass sie im Dunkeln Dinge sieht und sich in ihrem Kopf alle möglichen gruseligen Gesichter und Gestalten ausmalt und so weiter. Bei mir hingegen war es immer das Gegenteil, vor allem seit sie mir das anvertraut hat. Wenn ich etwas sehe, das ich nicht zuordnen kann, nehme ich es unter die Lupe. Ich gehe näher ran.

Das mache ich nicht mehr so oft.

Ich erinnere mich, wie ich da lag und nur an Scheiße dachte, an schräge Scheiße, wie Wilt aus Fosters Haus für Fantasiefreunde, der einen lila Slurpy trinkt. Und natürlich war das in diesem Moment total normal.

Irgendwann sah ich dann etwas beim Müllcontainer. Und im Nachhinein sind die Details sehr verschwommen, wie wenn man versucht, sich vorzustellen, was man in einem Traum gesehen hat.

Aber ich dachte über das, was ich sah, dass es nicht dort drüben sein sollte. Ich weiß nicht, wieso ich das dachte, aber so war es halt.

Ich betrachtete es weiter und überlegte, was es sein könnte. Von meiner Position aus sah es aus wie verwelkendes Farnkraut. Ich stand endlich auf, mein Kopf drehte sich und mir wurde allmählich klar, wie abgefuckt ich war.

Scheiße, ich bin auf der Arbeit! wurde mir klar.

Ich führte die Empfindung damals nicht auf die Zigaretten zurück. Ich flippte einfach aus.

Ich wollte mich normal fühlen. Und auf der anderen Seite des Parkplatzes, beim Müllcontainer, sah ich immer noch dieses farnartige Ding.

Mit einem einzigen Schlag änderte sich meine gesamte Wahrnehmung des Dings – als es sich… bewegte. Riesige, glänzende, schwarze Augen blickten mich an. Ich erinnere mich, dass ich an meine Freundin dachte, dass ich dachte, wie unlogisch es sei, hineinzulaufen, obwohl ich in diesem Moment schreckliche Angst hatte.

Ich sollte näher herangehen. Ich sollte sehen, was dieses Ding ist.

Diese Ansicht hielt sich aber nicht lange. Das Ding, was es auch sein mochte, ich weiß es immer noch nicht, legte seine Hände über seine großen, schwarzen Augen. Ich erinnere mich, dass ich besonders von seinen Fingernägeln erstaunt war – lang, gelb und verdreht. Doch dann, während ich immer noch Mut bewies… schrie es auf. Es öffnete seinen großen, zahnlosen Mund, so weit, wie ich es bei einem Mund noch nie gesehen hatte, und das Wesen gab dieses erbärmliche Geheul von sich.

Es hörte sich an, als würde es gequält werden.

Jetzt hatte ich Angst. Ich rannte zurück in den Laden und schloss umgehend die Tür ab. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich fühlte mich immer noch ziemlich zugedröhnt. Nichts stand mehr still. Ich konnte mein Herz in meinen Ohren klopfen hören.

Ich weiß noch, wie ich dachte, ich werde vor Angst sterben.

Es ist in deinem Kopf. Es ist ein schlechter Trip. Du wurdest unter Drogen gesetzt. Du hast einen schlechten Trip. Du bist auf der Arbeit, reiß dich zusammen.

Da war eine Frau am Tresen, deretwegen ich mir fast in die Hosen geschissen hätte. Die eine Hälfte ihres Gesichts war wie abgestorben. Abgesackt. Ausdruckslos, und ein Auge sah aus, als würde es gleich herausfallen. Die andere Hälfte war vor Ärger verzerrt. Ich war kurz davor, aufzuschreien und zu meinem Auto zu rennen, aber dann erkannte ich mit unvorstellbarer Scham und Trauer, dass sie Opfer eines Schlaganfalls oder so etwas Ähnlichem war.

Ich glaube, ich dachte damals, sie hätte einen Geburtsfehler oder so etwas. Egal, was ich dachte, ich fühlte mich schrecklich und schämte mich für meine Gedanken und mein Verhalten. Ich war wohl mit richtigem hartem Stoff zugeballert, dachte ich mir. „Entschuldigung“, sagte ich zu ihr. „Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“ Und ich weiß noch, dass mir meine Worte irgendwie in den Ohren nachhingen, nachdem ich sie ausgesprochen hatte. Sie sagte etwas mit gebrochener Stimme, und ich bat sie, sich zu wiederholen.

Sie sagte es noch einmal, deutlicher: „Fick dich.“

Ich erinnere mich, dass ich mich beschissen fühlte. Ich muss sie beleidigt haben, oder sie warten lassen, oder beides.

„Es tut mir wirklich leid, ich war gerade dabei, den Müll rauszubringen...“

„Fick dich.“

Sie sagte es diesmal sogar noch deutlicher. Und die Muskeln in der Hälfte ihres Gesichts, die ich für nicht funktionsfähig hielt, zuckte und wurde lebendig. Sie verdrehte ihren Kopf, um mich anzusehen – verdrehte ihn in einem unmöglichen Winkel – und begann zu schreien: Fick dich! Fick dich! Fick dich! Und das gefühlt viel zu lange. So lange, bis die Worte langsam an Bedeutung und Sinn verloren. Nur noch lautes Gekreische.

Irgendwann, als ich an der Tür kauerte, die ich verschlossen hatte, konnte ich Worte überhaupt nicht mehr verstehen. Ich schloss die Augen, weil ich sie nicht ansehen wollte – es nicht ansehen wollte – und das Geschrei ging weiter, selbst als ich die Augen öffnete und sie nicht mehr da war.

Die verzerrten Flüche kamen immer wieder. Bis sie sich zu einem Laut wie einer Mikrofonrückkopplung vermischten.

Irgendwann verstummte es und ließ mich mit einem Klingeln in den Ohren an der Tür sitzen.

Das ist alles irgendein Traum. Ein Trip. Ich bin auf einem schlechten Trip. So etwas sagte ich mir immer wieder, wenn ich daran dachte, die Polizei zu rufen oder mich zu verpissen.

Ich ging auf die Toilette und wusch mich. Ich fühlte mich ein bisschen besser.

Ich sah, wie sich mein Spiegelbild wellte, als wäre der Spiegel eine stehende Wand aus Flüssigkeit. Als ich mich nicht mehr so sehr durchgerüttelt fühlte, kehrte ich zum Tresen zurück. Ich schritt eine Weile umher und schaute gelegentlich aus dem Fenster. Ich war sowas von paranoid. Alles machte mich nervös – das Einschalten der Klimaanlage, das gewohnte Piepsen der Lottomaschine, selbst die leisen Geräusche des Gebäudes, das sich niederlässt. All das ließ mich zusammenzucken und versetzte mich in Panik.

Ich wollte nicht darüber nachdenken – überhaupt nicht. Ich ging einfach auf und ab. Außerdem hatte mich ein widerlicher Gestank überwältigt. Wie Hundescheiße und faules Obst. Er trieb mich in den Wahnsinn, und ich war nicht sicher, ob er überhaupt da war oder nicht. Alle meine anderen Sinne hatten sich als unzuverlässig erwiesen.

Aber ich roch schon irgendetwas und ich folgte der Spur zu einer Einkaufstüte, von Meijer, glaube ich, die unter die Kaffeemaschine gestopft war.

Sie stank abscheulich. Natürlich öffnete ich das scheiß Ding, und es dauerte ein wenig, bis ich registrierte, was da drin war.

…Zähne.

Blutige, verfaulte, schwarz-gelbe Zähne. Ein großes Bündel von ihnen, alle durch dicke Teerstränge miteinander verklebt.

Und das war der Moment, als ich anfing, Angst um mein Leben zu haben. Denn genau da fing der Trip an, mich körperlich zu beeinträchtigen. Ich erinnere mich, wie mich eine heiße, feuchte Hand mit unglaublicher Kraft an meinem Hinterkopf packte und mein Gesicht in die Papiertüte drückte. Der Gestank war unerträglich und vom Schrecken, der mich erfüllte, gab es kein Entkommen. Ich fing gleich an, wild um mich zu schlagen.

Auch von vorne wurde mir die Tüte ins Gesicht gedrückt und mir ging die Luft aus. Ich stieß zum ersten Mal einen Schrei aus und wurde losgelassen. Während ich immer noch wie ein Verrückter um mich schlug, stürzte ich gegen den Zeitungsständer

Ich rang eine Minute lang mit der Tüte auf meinem Kopf, bevor ich sie loswurde.

Das Leuchtstofflicht blendete mich. Ich spuckte breiige, schwarze Zähne aus, merkte, dass sie in meinem Mund gewesen waren, und kotzte sofort in die Tüte.

Dann ließ ich weder Logik noch Vernunft walten. Ich ging in den Getränkekühlraum und verbarrikadierte die Tür mit ungeöffneten Pepsi-Kisten.

Ich schnappte mir ein Monster und trank etwa die Hälfte, um den widerwärtigen Geschmack aus dem Mund zu bekommen. Dann saß ich mit dem Rücken zur Wand und starrte auf die Tür. Ich weigerte mich, die Augen von ihr abzuwenden. Ich weigerte mich, zu blinzeln.

Die Stimmen erklangen irgendwo da drinnen. Ich konnte sie hören, aber nicht mit den Ohren. Als wären die Stimmen meinem Kopf. Dennoch konnte ich sie hören. Wenn ich Leuten diese Geschichte erzähle, kann ich diesen Teil nie richtig erklären.

Sie sagten nichts und flüsterten meistens. Das Bild, das mir in den Sinn kam, als ich sie hörte, war ein Raum voller raunender Heroinabhängiger, spindeldürr und die Augen gelb, wie Lemuren. Es war auch ein eindrucksvolles Bild.

Ich versuchte, das Bild zu verdrängen, sobald es aufkam. Ich trank mehr Monster. Ich saß dort gefühlt eine Stunde lang. Ich wippte vor und zurück und ignorierte die Stimmen.

Und das ist der Teil, der mich immer noch fertig macht, wenn ich daran denke.

Als ich da drin schluchzte, nahm ich mir einen Moment Zeit, um die Augen zu schließen. Als ich sie öffnete, sah ich mich selbst an der Tür zum Kühlraum sitzen, mir gegenüber. Das Ding sah genauso aus wie ich, war aber barfuß und grinste breit. Es hatte keine Augen und keine Nase. Es sprang auf alle Viere und rannte auf mich zu. Ich versuchte, mich zu schützen, aber im nächsten Moment lag ich auf dem Boden, und ich spürte mehr Druck auf meinem Kopf als echten Schmerz.

Und ich kotzte erneut – diesmal vor allem Blut und Galle. Ich war nun allein im Kühlraum. Ich lag eine Weile da, bevor ich es schaffte, aufzustehen und die Stille – die Normalität – zu verinnerlichen.

War es vorbei?

Ich fühlte mich nüchterner.

Ich ging wieder auf die Toilette und betrachtete mein Spiegelbild. Ich sah beschissen aus. Auf meinem Poloshirt waren Kotzflecken und auf meinem Gesicht war Blut verschmiert. Meine Augen waren rosarot und tränten, umgeben von violetten Säcken. Ich wusch mich wieder und wieder ab und fühlte mich besser. Ich kehrte in den Laden zurück und sah mir den mit Zeitungen übersäten Boden an. Die Tüte mit den Zähnen sah ich allerdings nicht, wenn ich zurückdenke. Ich dachte damals nicht daran, danach zu suchen und ich fand sie auch nie. Erst später erinnerte ich mich an sie.

Ich überprüfte mein Handy. Keine neuen Nachrichten. Das ist irgendwie komisch. Ich hatte eigentlich mit ein paar von Mike gerechnet, der hätte neugierig sein müssen, was ich machte.

Nachdem ich die Zeitungen aufgeräumt hatte, die sowieso von gestern waren, spürte ich mein Handy vibrieren.

„Alles klar, also, sei vorsichtig.“

Ich starrte die Nachricht an. Er antwortete auf meine letzte SMS, auf die, die ich vor Stunden verschickt hatte. Ich schaute auf die Uhr, um zu sehen, wie lange es denn her war, und hätte fast den Stapel Zeitungen in meiner Hand fallen lassen. 2:39. Das war unmöglich. Vollkommen unmöglich. Neun Minuten? Das ist alles in neun Minuten passiert?! Ein Scheiß. Ich versuchte, mir einen Reim darauf zu machen, während ich das Erbrochene und das Blut im Laden aufwischte und im Kühlraum aufräumte. Mir ging es aber ganz gut. Mir ging es wirklich gut. Die Nase war ein bisschen verstopft, aber das war's auch schon. Und von da an schien alles normal zu sein.

Schließlich schloss ich die Tür auf, aber es war schon eine schwere Entscheidung. Ich erzählte Mike von all dem, und zuerst lachte er mich aus, und als ich dann die Zigaretten erwähnte, sagte er mir, was ich mir schon dachte – dass sie mit irgendetwas gestreckt waren. Und ich wollte ihm zustimmen, aber es gab so viel, was dagegensprach. Die Klarheit der ganzen Erfahrung. Die Plastikverpackung der Zigaretten. Später an diesem Tag rief mein Chef an und fragte mich, ob ich etwas darüber wüsste, warum die Kameras gegen ein Uhr nachts abgeschaltet waren – etwa zu der Zeit, als der Truck vorfuhr. Ich habe keine Ahnung. Ich habe keinen blassen Schimmer.

Der Realist in mir hat die Oberhand. Ich muss es so oder so wissen – ist es passiert oder ist es nicht passiert? Ich habe es überlebt, was es auch war.

Man würde erwarten, dass ich die Kippen auf dem Highway rauswerfe, aber das habe ich nicht. Ich habe sie immer noch. Ich habe die Packung hier neben meinem Laptop liegen. Und deshalb schreibe ich das hier. Ich brauche einen Rat. Ich brauche Hilfe. Ich habe ein starkes Verlangen, es herauszufinden. Ich meine, ich habe es ja einmal überlebt. Wenn ich eine rauchen würde... mit einem Freund... in meinem eigenen Zimmer... dann würde ich es wissen. Dann hätte ich vielleicht etwas Ruhe.

Sie rufen nach mir.

Diese Stimmen.

Ich höre sie manchmal nachts in meinen Träumen. Ich höre sie.

Was soll ich tun?


Originaltitel: Blue Kings

Autor: N/A

Link zum Original: https://creepypasta.fandom.com/wiki/Blue_Kings

Übersetzer: Creepostad M

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