Es gibt Geheimnisse, die in den Farben verborgen sind, die du nicht sehen kannst
Weißt du, welche Farbe eine Kakerlake hat? Wenn du braun gesagt hast, liegst du falsch. Sie ist vis. Und cimex. Und sie hat ebenfalls einen blassen Stich födus.
Das ist kein Kauderwelsch. Dies sind Farben, die du nicht
sehen kannst, ich aber schon.
Ich bin der erste dokumentierte Mensch mit pentachromatischem
Sehen.
Das bedeutet, dass ich fünf verschiedene Arten von
Zapfenzellen in meinen Augen habe. Nahezu jeder Mensch ist ein Trichromat. Das
bedeutet, dass es in ihren Augen drei Typen von Zapfenzellen gibt. Diese Zellen
können jeweils um die 100 verschiedene Farbtöne voneinander unterscheiden,
jedoch vermischen sie sich miteinander – was bedeutet, dass der
durchschnittliche Trichromat etwa eine Million verschiedene Farben sehen kann.
Als Pentachromat kann ich um die zehn Milliarden sehen.
Kein anderes Säugetier kann das. Lediglich Tauben und ein
paar Schmetterlinge. Wenn das nicht nach einer großen Sache klingt, dann lass
mich dir eine Frage stellen: Was ist das Schönste, das du je gesehen hast? Ein
Sonnenuntergang? Ein Regenbogen?
Für mich war es ein Hostess Twinkie (amerikanischer
Kuchensnack mit Cremefüllung). Ich war in einem 7-11 gewesen und sah ein paar,
die in einer Schachtel in einem der Regale waren. Welche Chemikalien sie auch
immer in diese gemischt hatten, jede von ihnen hatte ihre eigene Farbe.
Zusammen bildeten sie diesen wunderschönen Mosaikstrudel. Das
machte die Twinkies irgendwie unappetitlicher, aber es machte sie auf jeden Fall
schöner. Diese Farben sind unbeschreiblich. Ich meine das im wörtlichen Sinne –
ich kann sie dir nicht beschreiben. Farbe ist eine grundsätzlich private Angelegenheit. Aus demselben Grund, aus dem du nicht behaupten kannst, dass du den
gleichen Blauton auf dem Deckel einer Margarineverpackung siehst, den dein Chef
sieht, kann ich dir nicht sagen, wie die meisten Farben aussehen, die ich sehe.
Es gibt ein paar Dinge, von denen ich nicht einmal wusste,
dass sie Farbe haben, bis ich ein Pentachromat wurde. Bewegung hat Farbe – jedes
Mal, wenn sich etwas bewegt, entsteht eine blasse Farbspur, die ich nur als
energetisch beschreiben kann. Ich gewöhnte es mir an, diese Farbe Vis zu
nennen. Die meisten Früchte sind mehrfarbig, doch das trichromatische Auge
nimmt nur die Primärfarben in ihnen wahr. Würden Pfirsiche dir so erscheinen,
wie mir, würdest du sie wahrscheinlich nicht mehr essen.
Ich wurde nicht als Pentachromat geboren. Ich wurde mit stinklangweiligem
trichromatischem Sehen geboren, genau wie du. Dann hatte ich in einen
Autounfall. Weißt du, welche Farbe Funken haben, wenn zwei Metallstücke
kollidieren? Ich nenne sie Enk. Das war das Geräusch, das das Auto meiner Frau machte,
als es mit dem Subaru neben uns zusammenstieß. Enk ist eigentlich eine
beruhigende Farbe – sie erweckt das gleiche Gefühl, das man bekommt, wenn man
den Rauch von Holz riecht. Blut ist nicht mehr nur rot, es ist außerdem cruor.
Blut war das letzte, was ich sah, bevor ich mein Augenlicht verlor. Victoria war
am Steuer und war betrunken, aber nicht so sehr wie ich. Wir hatten einen
Streit und es war meine Schuld.
"War sie es wert, John? War sie es wert, all das hinzuschmeißen,
was wir zusammen hatten?"
Das war sie nicht. Ich hätte niemals gedacht, dass ich eine
Prostituierte anheuern würde. Ich hätte niemals gedacht, dass ich meine Ehe
verspielen würde, doch ich wurde unserer Ehe überdrüssig. Ich wollte etwas Neues.
Ich wusste nicht, dass etwas Neues zu wollen bedeuten würde,
dass sie das Lenkrad loslassen würde. Als der Wagen auf den Seitenstreifen ausscherte,
versuchte ich, das Lenkrad umzureißen, doch ich zog zu arg. Wir stießen mit dem
Wagen zusammen, der gerade auf den rechten Fahrstreifen gewechselt war. Ein 17-jähriges
Mädchen war am Steuer und der Aufprall brach ihm die Wirbelsäule in zwei
Hälften. Das Mädchen starb in seiner eigenen Blutlache.
Unser Wagen geriet ins Schleudern und prallte in die
Leitplanke. Ich wurde von meinem Sicherheitsgurt festgehalten, Victoria wurde
aus dem Auto geschleudert. Die Windschutzscheibe zerbrach in eine Millionen
Stücke.
Gebrochenes Glas hat eine ganze Menge Farben in sich. Zu
viele, um sie aufzuzählen.
Glas prasselte auf mich herab. Es schnitt durch meine Haut,
als wäre sie aus Lehm gewesen. Zwei große Scherben bohrten sich mir in die
Augen. Blut war das Letzte, was ich sah. Victorias Schreie waren das Letzte,
was ich hörte. "Gott! Es tut weh! Bitte, Gott, es tut weh!"
Ich bin mir nicht sicher, wann ich aufwachte. Ohne mein
Augenlicht trieb ich hilflos in einem Meer aus Dunkelheit dahin. Nach einer
Weile hörte ich eine Stimme, die mich fragte, ob ich sie hören könne. Es war
die Stimme einer Frau, einer Krankenschwester.
"Ja. Wo bin ich?"
Sie sagte mir, ich sei im Krankenhaus und habe einen Unfall
gehabt. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber ich wusste, dass sich ihr
Blick verfinsterte, als sie mir sagte, dass ich für den Rest meines Lebens
blind sein werde.
Es stellte sich heraus, dass man keine Augen braucht, um
sich die Augen auszuheulen. Das war alles, was ich in den ersten Tagen tat.
Kein Arzt konnte mir helfen. Nachdem ich eine Woche lang in meiner eigenen Dunkelheit
lebte, hatte jemand da oben Mitleid mit mir. Man rief einen Spezialisten, der
an einem experimentellen Verfahren arbeitete.
"Wie viel?"
"Kein Geld. Ich mache den Eingriff umsonst." Er
hatte einen schmierigen Südstaatenakzent.
"Wo ist der Haken?"
Mr. Südstaaten-Gentleman arbeitete bei einer Testanlage in
Giliman County in Colorado, die sich mit biomechanischen Enhancements
beschäftigt. Sie brauchten jemanden, der zerstörte Augäpfel hatte, aber
irgendwie noch funktionsfähige Sehnerven hatte. Jemand, der noch die volle
Gehirnfunktion hatte und beschreiben könnte, was er sieht. Jemand, der
verzweifelt genug war, um nichts dagegen zu haben, ein menschliches
Versuchskaninchen zu sein. Derjenige war ich.
Die Operation dauerte vier Stunden. Sie hatten mich im
Voraus gewarnt, dass meine experimentellen Augen leistungsfähiger seien als
meine ursprünglichen Augen. Sie hatten mich nicht davor gewarnt, dass meine
pentachromatischen Augen Dinge sehen würden, die nicht für die Menschheit
bestimmt sind.
Meine Fingernägel fielen mir nach dem Eingriff als erstes
auf. Ich hatte noch nie etwas so Buntes gesehen. Ich fragte die Krankenschwester,
ob sie sie lackiert habe. Das hatte sie nicht. Ihre Fingernägel waren auch
bunt. Wie es sich herausstellt, sind Fingernägel nicht farblos. Sie haben eine
Farbe, die ich Födus nenne. Es ist wahrscheinlich besser, dass du sie nicht
sehen kannst. Sie ist keine schöne Farbe. Der Atem der Schwester hatte eine
Farbe, die ich Nubila nannte. Der Hauch der meisten Leute ist immer noch
farblos für mich, aber wenn eine Person regelmäßig Zigaretten raucht, färbt
sich ihr Atem nubila.
Sich daran zu gewöhnen, wieder sehen zu können, bedeutete,
dass ich mich an die neuen Farben gewöhnen musste. Alles sieht anders aus als
vorher. Die Gesichter der Menschen sind so komplex gefärbt, dass es leichter
ist, jemanden an den willkürlichen Farbflecken zu erkennen, als an seinen
eigentlichen Gesichtszügen. Es ist schon komisch, dass es auf der Welt so viel
Streit um die Hautfarbe gibt, denn wenn man 10 Milliarden Farben sehen kann,
sind die leichten chromatischen Unterschiede zwischen Schwarz und Weiß unwesentlich.
Manchmal denke ich, dass meine neue Sicht etwas Gutes ist, doch dann werde ich daran erinnert, wie ich zum ersten Mal einen Blick auf meine Frau warf. Ich werde an die Dinge erinnert, die kein Mensch zu sehen braucht.
Ich sah sie seit dem Unfall nach zwei Monaten zum ersten Mal wieder. Victoria war schwerer verletzt als ich. Als sie aus dem Auto geschleudert wurde, wurden ihre Knochen in beiden Armen und Beinen zertrümmert. Die Knochenfragmente zerfetzten ihre Muskulatur ziemlich übel. Es bedurfte einer 12- stündigen Operation, um ihr das Leben zu retten. Sie mussten alles amputieren. Ihre Haut war vom Asphalt so verbrannt, dass vier Hauttransplantationen nötig waren, um ihr Gesicht wiederherzustellen. Sie bekamen es nie richtig hin.
Ich dachte, ich sei darauf vorbereitet gewesen, dass
Victoria quadriplegisch ist. Die Ärzte erklärten mir ihren Zustand im Voraus
und warnten mich davor, dass es grauenvoll sei. Sie warnten mich davor, dass
ihre Glieder nichts weiter als Stummel seien. Aber sie konnten nicht sehen, was
ich sehen konnte. Sie hätten mich nicht davor warnen können, dass da noch etwas war, wo ihre Gliedmaßen einmal gewesen waren.
Vier geisterhafte Klumpen ragten aus ihren bandagierten Armen
und Beinen. Sie hatten die Form ihrer fehlenden Extremitäten, aber sie waren in
komischen Winkeln verdreht und verbogen. Wenn sie ihre Stümpfe bewegte, folgten
ihr die Klumpen an den Stümpfen, als wären sie normale Gliedmaßen,
allerdings gebrochene. Sie hatten eine Farbe, die ich inzwischen Anima nenne.
Es graust mich, die Farbe Anima zu sehen. Sie erscheint
unter sehr... einheitlichen Umständen. Die meisten Amputierten haben Anima-Glieder,
die aus ihren Stümpfen sprießen. Die Luft bei Friedhöfen und Krematorien ist mit
Anima getränkt. Gelegentlich strahlt das Fleisch im Supermarkt eine Anima-Aura
aus, aber nur, wenn es wirklich frisch ist. Eine Zeit lang dachte ich, Anima sei
die Farbe des Todes. Letzte Woche erfuhr ich, was sie wirklich ist.
Letzten Montag starb Victoria. Es war fast ein Jahr seit dem
Unfall her. Ich schätze, ihre Zeit war gekommen. Meine wunderbare Victoria kämpfte
so lange sie konnte, aber schließlich gab ihr Körper auf. Sie starb in unserem
Bett, als ich unter der Dusche stand. Ich war untröstlich, als ich sie fand. Erst
als sie von uns ging, wurde mir klar, wie sehr ich ihre Gegenwart für selbstverständlich
hielt. Ich wählte die 911 und legte mich neben sie, als ich auf den
Krankenwagen wartete.
Ihre letzten Tage waren für uns beide schwer. Trotz starker
Medikamente litt Victoria unter anhaltenden Phantomschmerzen in ihren fehlenden
Gliedern. In den Nächten, in denen sie trotz der Schmerzen schlafen konnte,
hatte sie lebendige Träume vom Unfall. Ich versuchte, den Gedanken daran zu
verdrängen, aber ich wurde jedes Mal an den Unfall erinnert, wenn ich ihre
gespenstischen Gliedmaßen ansah. Als ihre Zeit gekommen war, hoffte ich
insgeheim, dass es für uns beide eine Erleichterung sein würde.
Es war eine schöne Beerdigung und ich suchte die Blumen aus.
Sie hätten Victoria gefallen, auch wenn sie nicht dieselben Farben hätte sehen
können wie ich. Als ich nach Hause kam, entdeckte ich einen Fleck auf dem Bett,
wo ihr Körper gelegen hatte. Es kam mir bekannt vor.
Es war Anima. Die Farbe ihrer gespenstischen Glieder.
Ich wechselte die Bettwäsche, aber nach ein paar Stunden entstand
ein weiterer Fleck. Ich wechselte sie nochmal, doch der Fleck kehrte zurück.
Egal, wie oft ich die Bettwäsche wusch oder wechselte, der Fleck kehrte immer wieder zurück.
Ich fing an, auf der Couch zu schlafen, um davon wegzukommen.
Die animafarbene Bettwäsche erinnerte mich nämlich an ihren Tod. Vor zwei Tagen
war ich in unserem Schlafzimmer, um mich umzuziehen, und ich bemerkte, dass der
Fleck verschwunden war. In der Luft, Zentimeter über der Stelle, wo der Fleck gewesen
war, schwebte nun eine animafarbene Wolke. Sie bewegte sich. Im Laufe der
nächsten Stunden nahm die Wolke eine menschenähnliche Form an – die Form meiner
Victoria.
Letzte Nacht stieg die Anima-Wolke aus dem Bett. Ihre
Bewegungen waren quälend langsam, aber irgendwie sehr menschenähnlich. Heute Morgen
stand sie in der Küche, als ich das Frühstück machte. Ich versuchte, meinen
Nachbarn zu fragen, ob er die Gestalt auch sehen könne, doch er sah mich nur an,
als wäre ich verrückt.
Nur meine besonderen Augen können die Anima-Figur sehen. Sie
hat kein Gesicht oder sowas, aber ich kann dennoch erkennen, dass sie mich
anstarrt. Sie folgt mir überall hin. Sie sitzt auf dem Beifahrersitz, wenn ich
Auto fahre. Steht neben mir in der Bank. Beobachtet mich beim Duschen. Sie ist
genau jetzt hinter mir. Eine dunkle, unbeschreiblich-farbene Visage meiner
toten Frau. Starrt mich an. Beobachtet mich mit Augen, die nicht da sind.
Ich versuchte, ihr zu entkommen, doch sie holt mich immer
wieder ein. Sie wird mich nicht alleine lassen. Anima hört nicht auf, mich zu
verfolgen. Anima ist nicht die Farbe des Todes. Das Ding, das mir folgt, kann
nicht tot sein, denn es weiß immer, wo ich bin. Es bewegt sich, wie sich
Victoria bewegte. Sie ist es. Ich weiß, dass sie es ist.
Jetzt sehe ich überall Anima-Wolken wie sie, und sie folgen Menschen.
Sie haben die Gestalt unserer Geliebten, die es nicht ertragen können, sich von
uns loszureißen. Die meisten Leute haben eine. Wenn du einen Geliebten verloren
hast, hast du wahrscheinlich eine. Nur meine Augen können sie sehen.
Victoria – wenn du wirklich in dieser Wolke bist, dann tut
mir alles leid, was ich falsch gemacht habe. Es tut mir leid für all die Worte,
die ich nie aussprechen konnte. Bitte folge mir nicht mehr. Ich will allein
sein. Ich weiß, dass du das lesen kannst.
HÖR AUF, MICH ANZUSTARREN, VICTORIA.
Ich glaube nicht, dass Anima die Farbe des Todes ist. Diese
Dinge, die uns folgen, sind lebendig, zumindest auf ihre eigene Art. Sie sind
die Seelen der Verstorbenen. Seelen, die gefangen sind. Seelen, die nicht
aufhören können, uns zu folgen. Der Mensch war nie dafür bestimmt, Anima zu
sehen. Wir sind nicht dafür bestimmt, zu wissen, was mit uns geschieht, wenn
wir sterben.
Ich sehe die Farben, die du nicht sehen kannst und sie
verbergen ein schreckliches Geheimnis. Es gibt weder Himmel noch Hölle. Wenn
wir sterben, schreiten wir nicht voran. Wir bleiben zurück und sehen zu,
lautlos, bis zum Ende der Zeit.
Bitte lass mich in Ruhe, Victoria. Bitte hör auf, mich anzustarren.
Originaltitel: There are secrets hidden in the colors you can't see.
Autor: Jaksim
Link zum Original:
https://www.reddit.com/r/nosleep/comments/5d2um3/there_are_secrets_hidden_in_the_colors_you_cant/
Übersetzer:
Creepostad M
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