Der Minimalist

Sein Name lautet Sven. Er ist 27, blond und früher hatte einen wohlgeformten Körper.

Wir wohnten drei Jahre lang zusammen, er und ich. Nachts verbrachten wir die Zeit mit Bier und Erdnüssen und guten Gesprächen und tagsüber sahen wir uns kaum wegen meines vollen Terminkalenders. Er ist Architekt, oder vielleicht war er es zumindest mal, da bin ich mir nicht so sicher.

Im März hat er sich seinen Lebenstraum erfüllt. Er reiste nach Japan und drei Wochen lang war seine Facebook-Pinnwand voll mit Fotos von Tempeln und Straßen und Menschen. Aber vor allem postete er Bilder von Häusern, großen und kleinen, und letztendlich auch Fotos vom Innenraum der Häuser und der Wohnungen. Neben einem der Bilder steht bis heute ein Satz, der Vermutlich der Anfang seiner Besessenheit war:

„Die Leute hier sind wirklich nett. Sag ihnen, dass du Architekt bist und jeder Fremde wird dir sein Haus zeigen, wenn du nett danach fragst – zieh dir drinnen aber die Schuhe aus!“

Bei seinen Posts und unseren beiden kurzen Telefonaten während seiner Zeit in Japan fiel mir auf, dass er wohl eine neue Leidenschaft hat: Minimalismus.

Wer sein Leben erleichtert und entlastet, erleichtert und entlastet auch seinen Gesit.

„Weißt du“, sagte er. „Die haben hier Wohnungen, die sind nicht einmal größer als Studentenzimmer, aber die haben alles! Eine Dusche, eine Küche, alles in nur einem Zimmer und man merkt es gar nicht!“


Das Erste, was Sven nach seiner Rückkehr tat, war, den größten Teil seines Lebens – erst Ersatzklamotten, seine Spielekonsolen und seinen Fernseher, dann auch alte Geschenke und irgendwelche Souvenirs und Andenken – in Kartons zu packen. Er stellte diese auf den Bürgersteig und innerhalb einer Stunde waren sie weg. Innerhalb einer Woche verschwand immer mehr aus seinem Zimmer: alte Geburtstagskarten, Fotos, Trophäen, sogar seine Standuhr, die ein Erbstück war. Schon nach kurzer Zeit stand alles am Straßenrand. Schon nach kurzer Zeit war alles weg.

Übrig blieb ein Zimmer mit einem fast leeren Regal, einem fast leeren Kleiderschrank, einem Schreibtisch und einem Stuhl.

"Ist es nicht schön?" fragte er.

Und dem musste ich zustimmen: So einfach, so sauber, so entspannend.

Kein Durcheinander. Keine Erinnerungen.

Keine Sorgen.


Obwohl mich Svens Motivation teilweise ansteckte, blieb mein Zimmer ein Chaos.

„Du solltest wirklich aufräumen“, sagte er. "Ich bin glücklicher denn je."

Und Sven lebte von Tag zu Tag einfacher.

"Es ist viel entspannter."

Er lächelte, während er das sagte.

Einfacheres Essen.

"Ich fühle mich so leicht."

Einfachere Kleidung.

„Ich muss mich nicht mehr entscheiden. Drei Outfits, abwechselnd. Alles andere ist Überfluss!“

Kein Schreibtisch.

"Es ist sowieso nicht gut für deinen Rücken."

Kein Regal.

"Es wird nur staubig."

Keine Bettwäsche.

„Dein Körper lernt, der Kälte zu trotzen.“

Keine Matratze.

"Weich ist schlecht für die Wirbelsäule."

Kein Bett.

"Es ist so viel einfacher."


„Ach“, sagte ich. "Aber wo schläfst du?"

"Der Boden reicht aus."

Er lächelte wieder dieses Lächeln. Entspannt, ruhig, gelassen – er strahlte vor Glück.

„Und was machst du, wenn es kalt wird?“

Er grinste.

"Kein Problem. Den Kleiderschrank habe ich noch.“

Seit Anfang August hielt er sich im Kleiderschrank auf. Und seitdem habe ich ihn nirgendwo anders gesehen.

Damit übertreibe ich nicht.

Nicht in der Küche.

Nicht im Badezimmer.

Tagsüber lässt er seine Schranktür offen. Nachts schließt er sie.


„Du solltest dich mir wirklich anschließen“, sagte er. „Hier ist viel Platz“

"Finde ich nicht."

„Ach“, sagte Sven. "Du hängst einfach zu sehr an Sachen."

Am 12. August sagte ich leb wohl zu dem Sven, den ich kannte. An jenem Tag scherte sich Sven Kopf kahl. Er war bereits dünn; viel zu dünn als es gesund ist.

Manchmal habe ich ihm Essen gebracht.

„Nein“, sagte er immer. "Ich bin nicht hungrig."

Er hatte nie Hunger und das konnte man sehen, wenn er seitlich in seinem Kleiderschrank saß und das einzige, was seinem Körper Form verlieh, waren seine Rippen und Knochen, die die Haut beinahe zu durchdringen schienen.

Aber er lächelte immer.

„Du brauchst wirklich Hilfe“, sagte ich.

Und er lächelte mit Zähnen, deren Zahnfleisch allmählich zurückging.

„Mach dir keine Sorgen um mich. So geht es mir viel besser; viel besser als je zuvor.“

"Alter, das ist nicht gesund."

„Viel gesünder, als du lebst“, entgegnete er. „Du solltest dich mir wirklich anschließen. Hier ist Platz für zwei!“

„Da ist kein Platz“, antwortete ich.


Das hätte ich wirklich nicht sagen sollen.

Sven hat im Kleiderschrank direkt über seinem Kopf ein Brett eingebaut.

„Du kannst die obere Etage haben“, sagte er.

Ich dachte, das sei ein Witz.

Doch jeden Tag schien die obere Etage zu wachsen und sein Platz schien zu schrumpfen. Aber er passte rein.

Er saß immer still da, manchmal mit einem von mir geliehenen Buch und manchmal nur mit seinen Gedanken.

Damals war es September.

„Ernsthaft“, sagte er. „Du kannst die obere Etage haben. Du wirst auf jeden Fall reinpassen.“

"Da bin ich mir nicht so sicher."

„Ach“, sagte er. „Ich werde etwas mehr Platz schaffen. Morgen wirst du definitiv reinpassen.“


Und am nächsten Tag saß ich zum Spaß auf seiner oberen Etage.

Er machte die Tür zu.

Nur mein Herzschlag und sein Atem waren zu hören.

"Ist es nicht friedlich?" fragte Sven.

„Ein bisschen zu eng für mich“, antwortete ich. "Und etwas müffelt."

Damals hätte ich gesagt, es roch nach Nägeln.

„Das wird vorbeigehen“, sagte er.


Am nächsten Tag war die obere Etage noch größer. Sein Platz war inzwischen nur noch ein schmales Regalfach, vielleicht so hoch wie fünf oder sechs aufeinandergestapelte Bücher.

Der Gestank wurde schlimmer.

Faul.

„Mach dir keine Sorgen“, sagte er. "Es wird besser."

„Sven“, sagte ich. "Ich glaube, du stirbst."

Und er lachte.

„Du hängst zu sehr an deinen Körper“, sagte er.

Nein, sagte ich. "Im Ernst. Du musst ins Krankenhaus.“

„Ich bin nicht verrückt“, sagte Sven. "Fang diese Debatte nicht noch einmal an."

"Gib mir die Rufnummer deiner Eltern."

„Nein“, sagte er.

Zum ersten Mal sah er wütend aus.

"Bitte, ich will doch nur helfen."

„Nein“, sagte er. "Mir geht es prächtig."

"Ich rieche, wie dein Körper verrottet."

Er lachte.

"Mach dir keine Sorge. Das ist nur der Heilungsprozess.“

"Heilung?"

„Die Wunden“, sagte er.

"Welche Wunden?"

„Nichts Großes“, sagte er. "Nichts was ich bräuchte."

"Zeig‘s mir."

"Nein!!"

"Zeig‘s mir!"

„Nein!!!“

Ich packte seine rechte Hand.

Sie war knochig und klein und kalt.

"Hör auf!", befahl er.

Dennoch zog ich an seiner Hand.

„Hör auf!!“

Er fühlte sich leichter an als meine Tragetasche an den meisten Tagen.

Seine Fingernägel gruben sich in meinen Arm.

"Hör auf!!!", schrie er.


Sein ganzer Körper glitt aus seinem Regal.

Nur ohne linken Arm.

Und ohne Beine.

Ich ließ los.

"Fick dich!!!" Schrie er.

Und mit einem Stoß beförderte er sich wieder in sein Schrankfach.

"Du bist irre!" Sagte ich.

„Nein“, entgegnete er. "Du bist irre. Man braucht all diese Sachen nicht, um glücklich zu sein.“

Ich ging rückwärts zur Tür.

"Was hast du mit deinen Beinen gemacht?"

„Habe sie nicht gebraucht“, sagte er. "Habe sie vor zwei Wochen abgetrennt."

„Mein Gott“, sagte ich. "Du wirst sterben."

Sein Blick sah wieder weich aus und er lächelte.

„Simplifiziere“, sagte Sven. "Dann hörst du auf, dich um solche Dinge zu sorgen."


Wahrscheinlich hätte ich den Krankenwagen oder die Polizei rufen sollen oder einfach irgendjemanden, egal wen. Aber ich tat es nicht, denn jedes Mal, wenn ich es versuchte, sah ich ihn an und er lächelte.

Er ist glücklich - glücklicher als jeder andere Mensch, den ich je gesehen habe.

Das ist jetzt vier Tage her. Sven ist immer noch da und er ist glücklich. Manchmal höre ich ihn summen oder singen. Manchmal sitzt er einfach nur still da und lächelt vor sich hin.

Und ich sollte erschrocken, angewidert, entsetzt sein.

Stattdessen fühle ich mich einfach gelassen, wenn ich ihn ansehe.

Wenn ich gestresst oder besorgt bin, schaue ich ihn an und fühle mich von seinem Lächeln beruhigt.

Ohne darüber nachzudenken, habe ich angefangen, mein Zimmer aufzuräumen. Sven hat sicherlich in mancher Hinsicht recht. Entrümpeln beruhigt mich. Die ersten beiden Kartons stehen heute auf der Straße.

Und nachts, kurz vorm Schlafengehen, frage ich mich, wie es sich anfühlen würde, bei ihm zu sein, dort drinnen, in seinem mehrstöckigen Kleiderschrank.

Und wenn ich meine Augen schließe, scheint sich die Dunkelheit mit einer Erinnerung zu füllen. Ich höre nichts als meinen Herzschlag und seinen Atem. Und alles, woran ich mich erinnere, ist, wie glücklich ich mich dort drin fühlte.

^^ 

 

Originaltitel: The Minimalist

Autor: urban_teller

Link zum Original: https://www.reddit.com/r/nosleep/comments/1njiuh/the_minimalist/

Übersetzer: Creepstad M


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