Der Clifton Bunnyman

Die Geschichte des Bunnymans geht viele, viele Jahre zurück. Ursprünglich begann sie erst 1931, nachdem jedoch schon viele Morde von ihm begangen worden waren. Die Echtheit der Geschichte lässt sich in der Bibliothek „Old Clifton Library“ nachweisen. Sie befindet sich in der Stadt Clifton, im Norden des US-amerikanischen Bundesstaats Virginia. Was ich euch gleich erzählen werde, ist alles wahr. Den Hasenmann habe ich zwar niemals selbst gesehen, aber jeder in Clifton glaubt daran, dass seine Geschichte wahr ist.

(Zur Verständlichkeit der Geschichte: Die Brücke „the Bunny Man’s Bridge“ befindet sich im Wald neben einem Schotterweg. Unter ihr führt eine einspurige Straße durch und auf der Brücke befinden sich zwei Bahngleise.)

Damals im Jahre 1903 gab es mitten in der Stadt Clifton eine Irrenanstalt, tief in der Wildnis eingebettet. Ziemlich bald nach dem Bürgerkrieg begannen Leute, dieses Gebiet zu bewohnen und die Bevölkerung war auf etwa 300 Menschen bemessen. Es war eine sehr kleine Stadt. Nichtsdestotrotz mochten die Leute den Gedanken daran nicht, dass sie ein paar Meilen weiter auf der Straße eine Irrenanstalt stehen haben. Deshalb versammelten sie sich alle und unterzeichneten einen Antrag, dass die Anstalt irgendwo anders hin verlegt wird. Der Antrag wurde genehmigt und eine neue Anstalt wurde gebaut, die den Namen „Lorton Prison“ erhielt. Vorübergehend war sie eine Anstalt für Häftlinge gewesen, die auf ihr Urteil warteten.

Im Herbst 1904 wurden die Insassen der alten Anstalt zusammengerufen und in einen Bus gepackt, der sie zum Lorton bringen sollte. Irgendwie hatte der Fahrer auf dem Weg, nicht allzu weit weg vom Startpunkt, versucht, vor irgendetwas auszuweichen und der Bus kippte um und überschlug sich auf seinem schrecklichen Kollisionskurs.

Die meisten Häftlinge waren verletzt, jedoch gelang es ihnen, aus dem Bus zu entkommen und sie flüchteten in die Wälder. Am nächsten Morgen wurde dort ein Polizeieinsatz eingeleitet, und die Polizisten trieben die flüchtigen Häftlinge allmählich zusammen. Stunden wurden zu Tagen, Tage wurden zu Wochen, Wochen wurden zu Monaten. Jeder wurde nach vier Monaten wiedergefunden, bis auf zwei Personen - Marcus A. Wallster und Douglas J. Grifton. Auf der Suche nach den beiden Männern stieß die Polizei hin und wieder auf tote Hasen, die halb aufgefressen und zerstückelt waren.

Endlich fanden sie Marcus tot und allein bei der Fairfax Station Bridge, die heute als die Bunny Man‘s Bridge bekannt ist. In seiner Hand hielt er ein selbstgemachtes Werkzeug, das wie eine Mischung aus einem Hammer und einer Axt aussah und aus einem Stein und einem ziemlich robusten Stock als Griff zusammengesetzt war. Die Polizisten dachten nicht darüber nach und scherten sich auch nicht um die Umstände seines Todes, sondern bloß darum, dass man Marcus endlich gefunden hatte und sich nicht länger um ihn sorgen musste.

Sie erfanden einen Spitznamen für ihn, doch später begriffen sie, dass sie den Falschen den „Bunnyman“ genannt hatten.

Im Verlauf der Suche nach Douglas fand die Polizei immer wieder halb aufgefressene Hasen. Von da an gaben sie endlich Douglas den Namen Bunnyman.

Drei Monate vergingen und die Polizei gab am 7. April 1905 die Suche auf. Alle vermuteten, dass der Bunnyman inzwischen tot sei, wenn nicht weggelaufen, deshalb ging das gewohnte Leben in der Kleinstadt weiter. Oktober nahte und die Leute fanden tote Hasen, die aus dem Nichts aufgetaucht waren und die Leute fingen an, eine unbekannte Gefahr zu fürchten.

Es war Halloweennacht und wie gewohnt gingen ein paar Jugendliche zur Brücke, um zu trinken und zu feiern. Nach ein paar Minuten schlug es Mitternacht und die meisten Jugendlichen waren schon gegangen. Nur drei von ihnen blieben noch bei der Brücke.

Genau um Mitternacht erschien angeblich ein helles Licht unterhalb der Brücke, wo die Halbstarken waren, und nach wenigen Sekunden waren sie alle tot. Die Kehlen wurden ihnen aufgeschlitzt mit einer Art Werkzeug, das man beim entflohenen Sträfling Marcus gefunden hatte. Nicht nur waren ihre Hälse aufgeschlitzt, sondern von der Brust an zogen sich ihnen auch lange Schnitte über den Körper, die ihre Gedärme offenbarten. Zudem ließ der Hasenmann die beiden Buben von einer Seite der Brücke mit einem Seil um den Hals hängen, sodass sie zur Unterführung hinabhingen und ihre Füße über vorbeifahrenden Fahrzeugen baumelten.

Das Fräulein wurde auf die gleiche Art von der anderen Seite der Brücke gehängt. Dies ereignete sich an Halloween 1905. Danach hatte man ein Jahr lang nichts mehr vom Hasenmann gehört oder gesehen.

Halloween 1906 nahte und Eltern sowie Teenager erinnerten sich an den Vorfall, der sich ein Jahr zuvor an der Brücke ereignet hatte. An seiner Brücke. An der Brücke des Hasenmannes.

In dieser Nacht verblieben sieben Teenager bis kurz vor Mitternacht bei der Brücke. Ohne sich groß Gedanken zu machen, blieben sechs unterhalb der Brücke, während eine von ihnen, Adrian Hatala, eine gute Entfernung von der Brücke einhielt, in der Hoffnung, genug Zeit zu haben, um wegzulaufen, falls sich das Gleiche ereignen sollte. Sie sah nur dies: ein trübes Licht wanderte über die Gleise auf der Brücke, und als es 12 schlug, blieb es mitten auf der Brücke stehen und verschwand, als zur gleichen Zeit ein greller Blitz unter der Brücke aufleuchtete. Sie hörte aus der Unterführung ohrenbetäubende Schreie, welche nur einige Sekunden lang andauerten – innerhalb von fünf Sekunden hingen sie dann alle in der gleichen Manier von der Seite der Brücke wie auch die Leichen vom letzten Jahr.

Erschüttert rannte Adrian heim. Sie erzählte niemandem alles, was sie gesehen hatte. Stattdessen stammelte sie nur hier und da ein paar Worte, die das Volk zu einer Geschichte zusammenreimte. Weder hatte man Verständnis, noch schenkte man ihr Glauben.  Sie verurteilten Adrian wegen Mordes und sperrten sie in die Lorton Anstalt.

Adrian blieb in der Anstalt. Zwar wurde die Haftstrafe aufgehoben, aber es war zu spät – der Wahnsinn übermannte sie letztendlich. Selbst wenn man sie freigelassen hätte, wäre sie nicht imstande gewesen, ein würdiges Leben zu führen. Sie verbrachte ihre verbleibenden Jahre in der Anstalt, bis sie 1953 an einem Schock starb.

Niemand weiß genau, was sie zu Tode erschreckte. Angeblich starb sie im Schlaf, als sie von der haarsträubenden Nacht träumte. Vielleicht hatte sie der Bunnyman endlich eingeholt.

Im Jahre 1913 geschah das Gleiche, diesmal mit neun Teenagern, wieder in der Halloweennacht. Nach diesen Todesfällen mieden die meisten Menschen die Brücke an Halloween. 1943 zogen sechs Jugendliche an Halloween umher und ein paar Stunden später waren sie alle tot, genau wie alle anderen. Untersuchungen wurden angestellt, doch wie auch sonst ergaben sie nichts.

Im Jahre 1976 spielte sich die gleiche Situation ab, diesmal mit nur drei Personen.

Der einzige weitere Vorfall ereignete sich im Jahre 1987. Janet Charletier feierte die Nacht mit ihren vier Freunden. Halloweennacht brach herein, und nachdem sie Kindern ihre Süßigkeiten abgeknöpft hatten, fuhren sie raus aufs Land, um die Nacht zu feiern. Sie blieben um 23 Uhr bei der Brücke und warteten darauf, dass es Mitternacht wird. Sie glaubten nicht an den Mythos und somit beschlossen sie, sich von dessen Nichtexistenz zu überzeugen und sie wollten die einzigen sein, die dem Hasenmann wirklich getrotzt hätten.  Sie hatten etwa 55 Minuten lang gewartet, fast bis Mitternacht, als Janet plötzlich etwas ängstlich wurde. Sie alle hatten sich gegenseitig Streiche gespielt, wie schreiend aus dem Gebüsch zu springen, deshalb war sie schon ein bisschen durchgerüttelt.

Es schlug Mitternacht, und nun war Janet ganz in Panik geraten und wollte davonlaufen.

Sie war fast aus der Unterführung raus, als Lichter unter der Brücke sehr hell aufleuchteten. Janet sieht, wie ihre Haut von der Brust anfangend aufreißt, doch nichts hat ihre Haut durchdrungen.

Sie schafft es endlich aus der Unterführung raus. Völlig verängstigt rennt sie gegen eine hängende Leiche und schlägt sich dadurch selbst bewusstlos.

Als Janet aufwachte, stellte sie fest, dass sie geblutet hatte, und ihre Haare weiß geworden waren. Sie hatte Glück, dass ihre Schnittwunde nicht allzu schlimm war. Sie verließ die Brücke und kehrte nie mehr zurück.

Bis zum heutigen Tage kann man Janet sehen, wie sie jeden Morgen auf einem Schaukelstuhl auf ihrem Balkon sitzt, und einfach nur in Richtung der Brücke starrt, die einige Meilen weit entfernt ist.

Bis heute kann man Janet jeden Morgen auf diesem Stuhl sitzen sehen. Von da an bleibt die Geschichte unberührt und unverändert.

In jeder Halloweennacht sieht man Leute, die sich an der Brücke aufhalten, die rauchen und trinken und feiern, doch einige Minuten bevor es 12 schlägt, gehen sie alle. So war es während der letzten fünf Jahre, in denen ich die Brücke an Halloween besuchte. Selbst wenn es nicht an Halloween ist, sondern irgendeine andere Nacht, kann man die Gegenwärtigkeit des Todes spüren, welcher auf den Nachthimmel des 31. Oktobers wartet und sich danach verzehrt, dass Blut in seinem Namen vergossen wird – im Namen des Bunnymans.

Ok, das ist also die Sage. Hier ist der Mythos in kurz. Die Nacht an Halloween bricht herein. Bis Mitternacht geschieht nichts. Kurz vor Mitternacht hüpfen angeblich ein oder mehrere Hasen unter die Brücke. Kurz vor Mitternacht geht die Seele des Bunnymans, die als ein schwaches Licht erscheint, über die Gleise auf der Brücke. Wenn es 12 schlägt, hält seine Seele mitten auf der Brücke inne und verschwindet, nur um wieder unter der Brücke aufzutauchen. Von hier an erleuchtet seine Seele das ganze Gebiet, so hell, dass du ihn nicht einmal sehen kannst. Dann bringt er dich sofort um, indem er dir die Kehle und die Brust aufschlitzt, nur um dich vom Rand der Brücke zu hängen. An der Brücke kann man sogar die abgeriebenen Stellen im Stein sehen, wo die Leichen am Seil baumelten. Egal, wer sich unter der Brücke befindet, niemand kommt lebend raus.

Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, das hier zu lesen. Und merke dir: alles, bis auf den Mythos an sich, ist in den Akten der Stadt Clifton nachzulesen, und zwar von dem Tag an, an dem alles begonnen hat. Die alte Bibliothek in Clifton steht noch, und hat diese Akten auf Mikroplanfilm. Ich habe selbst nachgesehen und die Sache ist immer noch ein Rätsel. Ich denke darüber nach, mich an Mythenjäger aus dem Fernsehen zu wenden. Lass mich wissen, wenn du etwas beitragen kannst.

 

Timothy C. Forbes, Virginia, USA.


Originaltitel: The Clifton Bunny Man

Autor: Timothy C. Forbes

Link zum Original: http://www.castleofspirits.com/clifton.html

Übersetzer: Creepostad M

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Das Treppenritual

Grundlegendes zu den Hinterzimmern; ein Ratgeber

Ebenen der Hinterzimmer – Ebene 0 bis 8