Das Steintorritual

Hat schonmal jemand eine Erfahrung mit diesem Ritual gemacht? Ich habe es durch puren Zufall entdeckt und ich frage mich, ob jemand einen Weg gefunden hat, der Schleife zu entkommen.

Falls euch das „Steintorritual“ unbekannt ist, werde ich versuchen, es euch so gut wie möglich zu erklären. Ihr könntet am Ritual schon mehrmals vorbeigelaufen sein, ohne ihm jemals Beachtung geschenkt zu haben. Es ist jedoch ziemlich leicht, es ausfindig zu machen, wenn man weiß, wonach man suchen muss.

Man kann es nicht erzwingen. Entweder man findet zufällig ein Tor auf seinem Pfad, oder man läuft sein ganzes Leben lang, ohne jemals eins zu sehen. Das Wort „Tor“ kann allerdings ein wenig irreführend sein, denn zwei Steine sind alles, was zum Ritual gehört.

Wenn ihr herumlauft, könnten euch zwei Steine am Rand eures Wegs auffallen. Diese Steine werden ovalförmig und recht flach sein und sie ähneln sich in ihrer Farbe, die jedoch unterschiedlich genug ist, dass man die Steine auseinanderhalten könnte. Ich habe herausgefunden, dass ihr keinen speziellen Ort aufsuchen müsst und es spielt keine Rolle, ob ihr auf einem Bürgersteig oder einem Wanderweg lauft; das Steintor kann überall erscheinen.

Wenn ihr diese Steine entdeckt und nicht an dem Ritual teilnehmen möchtet, könnt ihr einfach direkt zwischen ihnen durchlaufen, ohne irgendwelche Folgen zu erleiden. Wenn ihr euch hingegen doch dafür entscheidet, mit dem Tor zu tun zu haben, so wie ich, dann könnt ihr niemals aufhören.

Wenn ihr mitten auf eurem Weg steht, wird auf beiden Seiten jeweils ein Stein liegen. Um das Ritual zu beginnen, müsst ihr bloß einen Stein aussuchen und aufheben. Jeder Stein hat seine eigene Auswirkung, doch welche es jeweils ist, ist jedes Mal zufällig. Einer wird euch Glück bringen, wenn ihr ihn noch am Ende des Rituals haltet, der andere wird euch Pech bringen, wenn ihr ihn am Ende nicht mehr haltet.

Wie gesagt, ich stieß, wie der Zufall so wollte, auf dieses Ritual. Ich gehe gerne in die nahegelegenen Wälder joggen. Ich versuche, mir jeden Morgen Zeit dafür freizuhalten. So rechtfertige ich die ganzen Kalorienbomben, die ich mir den Rachen stopfe. Als ich einmal gerade umgekehrt war und mich auf den Weg nachhause machte, hielt ich für eine kleine Trinkpause an. Meine Augen fokussierten auf den Pfad geradeaus; auf einen, auf dem ich schon unzählige Male gejoggt war, und ich bemerkte ein Paar Steine, die einander gegenüberlagen.

Ich spürte, wie mir kaltes Wasser über die Wangen strömte, nachdem es mir aus den Mundwinkeln floss, während ich über die Steine nachdachte. Ich fragte mich, wie oft ich schon vorbeikam, ohne sie zu bemerken, oder ob sie erst vor kurzem dorthin gelegt wurden. Sie sahen viel zu malerisch aus, als dass es sich um einen Zufall handeln konnte, so wie sich die Sonne auf beiden der Steine spiegelte, was sie wie ein Paar Scheinwerfer aussehen ließ.

Je länger ich dastand und die zwei Steine anstarrte, desto mehr zog mich ihr plötzliches Dasein in den Bann. Ich senkte die Wasserflasche und trat mit einem Gefühl der Achtsamkeit vor, das nur von einer vererbten Angst meiner Urahnen stammen konnte. Mit jedem Schritt wurde die Erscheinung der Steine immer abnormaler. Als ich mich ihnen näherte, kam ich zum Schluss, dass sie erst vor kurzem dort auftauchten.

Sie lagen perfekt auf beiden Seiten neben dem erdigen Pfad, unberührt und auf ihnen war kein einziger Schmutzfleck zu sehen. Ein Stein war vollkommen grau, der andere hingegen schimmerte unter den Strahlen der Morgensonne in helleren Tönen. Knieend strich ich mit den Fingern über die Oberfläche des rechten Steins. Ich spürte seine durchgehend glatte Oberfläche – eine Oberfläche, die sich überraschend kalt anfühlte. Wenn der Stein lange genug dort gelegen wäre, hätte er mit Sicherheit ein bisschen Wärme der Sonnenstrahlen aufgenommen, doch das Ding was fast schon eiskalt.

Ich wollte eigentlich nicht die Symmetrie ruinieren, aber der Stein bot sich mir so makellos dar, dass ich ihn einfach in die Hand nehmen und vom Boden aufheben musste. Nur die untere Seite des Steins war mit bröckeligen Erdklümpchen besudelt, die an ihm festklebten. Mit einer einzigen Bewegung wischte ich die Schlammbröckchen mit den Fingern vom Stein.

Ich drehte das Handgelenk hin und her, um die nahezu hypnotisierende Fläche des Steins zu betrachten, die ach so sanft die Sonnenstrahlen einfing, die durch die Bäume fielen. Ich bin nicht so einer, der „was Cooles sieht und es dann mitnimmt“, aber nichtsdestotrotz musste ich einfach daran denken, wie schön der Stein auf einem Regal liegen würde. Umso schöner, wenn ich beide hätte, deshalb wollte ich auch den anderen mitnehmen.

Neugierig drehte ich den Kopf, als mir ein elektrischer Schauer über den Körper lief, der mir die Haare auf den Armen zu Berge stehen ließ, während ich nach dem anderen Stein suchte. Sie lagen so perfekt auf einer Linie, dass der zweite direkt hinter mir hätte liegen müssen, doch das war nicht der Fall. Der Wald war in den Morgenstunden recht still und ich hatte nichts hinter mir rascheln hören. Selbst wenn da etwas gewesen wäre, warum hätte es den Stein nehmen sollen?

Als ich in die Richtung trat, in der der Stein hätte sein sollen, durchflutete weißes Licht meine Augen. Ich hob den Arm, um meine Sicht abzuschirmen, und schaute auf den Weg, der nach Hause führte, und da war er. Er reflektierte Licht in meine Augen, fast als würde er mir ein Signal geben – links neben dem Pfad lag der andere glatte Stein.

Obwohl er etwa 12 Meter weit entfernt war, war es unverkennbar derselbe Stein von vorhin, so wie er das Licht spiegelte. Wie ein Schiff, das von einem Leuchtturm Richtung Land geführt wird, nahm ich den Kurs über den Pfad auf das Licht auf. Meine Sicht war so sehr auf den anderen Stein fixiert, dass ich dummerweise das Licht ignorierte, das mir in die Pupillen sickerte.

Ohne es zu wissen, hatte ich mich schon ins Steintorritual gestürzt. Es hätte mir nicht gleich auffallen können, aber mit jedem weiteren Schritt wurde der Stein, um den ich meine Hand geschlossen hatte, schwerer. Ich merkte es erst wirklich, als mein zuvor angewinkelter Ellenbogen gerade wurde und mir die Hand auf der Seite herabhing.

Ich hielt inne. Ich war endlich vom Sirenenruf des Steins vor mir befreit und war endlich imstande, meine Umgebung aufmerksamer zu betrachten. Über den Schmerz hinaus, der allmählich in meiner Schulter auftrat, bemerkte ich, dass sich der Wald um mich herum veränderte. Oder besser gesagt: er verblich allmählich.

Das kräftige Braun der Erde des Pfads, über den ich ging, wurde stumpf und ausgespült. Das Grün der Blätter verlor seine Lebendigkeit und der ursprüngliche Farbton der Baumrinde wurde milchig. Es war, als würde all die Farbe um mich herum ausgewaschen werden. Ich trat ein paar Schritte vorwärts, wobei ich dieses Mal mehr auf meine Umgebung achtete.

Tatsächlich verlor ich mit jedem Schritt mehr von dem, was die Welt um mich herum so schön machte, und es waren immer mehr pechschwarze Umrisse zu sehen. Ganz zu schweigen von der schwindenden Kraft in meiner Hand. Genau wie die Welt mit jedem Schritt bleicher wurde, wurde gleichzeitig der Stein, den ich hielt, immer schwerer. Mein Griff löste sich und die Kraft in meinen Fingern ließ nach. Nur ein paar Schritte hätten genügt, dass mir der Stein aus der Hand fällt.

Als mir dort, wo ich stand, der Gedanke kam, den Stein fallen zu lassen, überkam mich das schrecklichste Gefühl. Meinen Fingern die Anweisung zu geben, den Stein einfach fallen zu lassen, war, als hätte ich versucht, durch eine feste Mauer zu gehen. Irgendein Teil von mir, irgendeine aktivierte Synapse, wusste, dass ich nur in Sicherheit wäre, wenn ich den Stein halten würde. Irgendein Teil von mir wusste, dass die Steine Gegenstücke sind und einander gegenüberliegen müssen.

Ich hatte schon die Hälfte des Wegs hinter mir. Wenn der eine Arm die Kraft hatte, den Stein so weit zu tragen, müssten zwei Arme reichen, um den ganzen Weg zu schaffen. Es gibt keine Erklärung, warum ich es wusste, aber ich wusste, dass ich nichts anderes tun konnte, als vorwärts zu gehen.

Der ständig schwerer werdende Stein machte die Aufgabe schwieriger. Ich war schon bei der Hälfte, doch für die übrige Hälfte hätte ich länger gebraucht. Abgesehen davon verfärbte sich die braune Erde zu einem trüben grau und das Laub verlor all seinen Schimmer, während das Gewicht des Steins kaum noch auszuhalten war. Dann lief mir ein weiterer elektrischer Schauer über den Körper; das Gefühl, beobachtet zu werden.

So ein kleiner Stein hatte inzwischen ein Gewicht erreicht, das das meines eigenen Körpers übersteigen musste. Selbst, als ich ihn in beiden Händen trug und all meine Muskeln zusammenarbeiteten, konnte ich spüren, wie meine Kniee nachgeben. Es wurde immer schwieriger, sich auf etwas anderes als aufs Kämpfen zu konzentrieren. Ich schaffte es aber dennoch, mich ein paarmal umzusehen.

Alles, was übrigblieb, als die Farbe der Welt beinahe ganz verschwunden war, waren die dicken, schwarzen Umrisse der Bäume und des Laubs. Diese Umrisse begannen, sich zu winden. Es war nicht so, als würden sie von einem starken Windstoß gedrückt werden, sondern sie schwankten vor und zurück. Die großen, stolzen Bäume wirkten auf mich nun eher wie verrücktes Gestrüpp.

Meine Kniee brannten vor Schmerz und mein Rückgrat fühlte sich an, als würde es bestimmt bald umknicken, jedoch war mein Ziel in Reichweite. Die Umgebung war bisher stumm, doch als ich dem anderen Stein näherkam, hörte ich hungriges Geheul im Chor, das die Luft durchbohrte. Die sich windenden Linien fingen an, sich miteinander zu verkleben, wodurch sich noch dickere schwarze Streifen bildeten.

Mit zusammengebissenen Zähnen schleppte ich mich vorwärts, während meine Handrücken über den ausgeblichenen Boden schliffen. Das Gewicht des Steins wäre inzwischen zu schwer gewesen, wenn ich es nicht auf beide Hände verteilt hätte. Ich war mir sicher, dass meine Knochen zersplittert wären, wenn ich auch nur ein paar Meter mehr hätte zurücklegen müssen. Ich glaube nicht, dass ich dafür genug Kraft gehabt hätte.

Mit einem letzten Ruck zog ich die Hände über den Boden und spürte dabei, wie sich Erdbröckchen in meine Haut rieben und diese aufschürften, und ich warf einen letzten Blick auf die Welt. So viele der Linien kamen zusammen, um eine einzelne zu formen. Es war eine zackige Linie, deren Spitzen in alle Richtungen ragten, wobei die Linie einen Mittelpunkt hatte, der breiter als jeder Baum war, den ich je gesehen hatte. Dieser war der Auslöser für mein Gefühl, beobachtet zu werden. Irgendwie wusste ich, dass mich dieses Ding anschaute. Und dann…

war es weg.

Alles verschwand. Der Wald um mich herum wurde mit Farbe überflutet, die mir so lebendig wie noch nie zuvor schien. Das erdrückende Gewicht, das ich nur mit vollem Körpereinsatz zentimeterweise bewegen konnte, war nun auf das zu erwartende Gewicht eines kleinen Steins reduziert – eines kleinen, glatten, der auf meiner Handfläche lag, neben dem Pfad gegenüber vom anderen Stein.

Ich ließ den Stein aus meiner Hand gleiten und legte ihn sanft auf die Erde. Außer dem Schmerz, der in meiner Hand pochte und in meinem ganzen Körper brannte, war alles wieder beim Alten. Nicht nur das. Es wurde alles besser als zuvor.

Als ich an jenem Tag zur Arbeit erschien, fand ich heraus, dass man mich in diesem Monat für eine Beförderung in Betracht gezogen hatte, und die bekam ich. Die Gehaltserhöhung war schön, und als ich ausging, um diese Annehmlichkeit zu feiern, fing ich ganz zufällig ein Gespräch mit einer sehr reizenden, sehr betrunkenen Frau an – eine, die mir ihre Nummer zusteckte.

Alles nach dieser kurzen Wanderung durch den Wald lief wie am Schnürchen. Ich war überglücklich, alles wurde nur immer besser. Jedenfalls bis ich wieder die zwei Steine sah.

Ich hatte aufgehört, so oft joggen zu gehen, ging aber immer noch zu Fuß zur Arbeit, um noch halbwegs sportlich zu sein. Ich blieb wie angewurzelt stehen, als ich grollend zwei makellose Steine neben dem Weg bemerkte. Ich weigerte mich, all das wieder durchzumachen, und ich ging einfach zwischen den Steinen durch und würdigte sie keines Blickes.

Es war zwar nicht so, als wäre es mit meinem Leben voll bergab gegangen, aber ich stellte fest, dass es ins Stocken geriet und ich nicht mehr aufstieg – ich blieb stecken. Wenn man am Ritual teilnimmt, wird man das Tor überall sehen. Ihr könnt versuchen, das zu tun, was ich tat, nämlich es einfach zu ignorieren, allerdings wird sich eure Welt jedes Mal verändern, wenn ihr durchlauft, ohne einen Stein aufzuheben.

Am Anfang ist es eine langsame und beinahe unsichtbare Veränderung, doch jedes Mal, wenn ich durch ein Tor ging oder einem auswich, ohne einen Stein aufzuheben, verlor meine Welt ein wenig Farbe. Die Tore eine Woche lang zu umgehen genügt für eine bemerkbare Veränderung, und innerhalb einer weiteren Woche kehrte das Gefühl zurück, beobachtet zu werden. Weil ich Angst hatte, was passieren würde, wenn ich mich zu lange beobachten ließe, entschied ich, einen Stein aufzuheben, als ich das nächste Mal ein Tor sah.

Dieses Mal lief das Ritual wie gewohnt ab, nur dass der Stein nicht schwerer sondern leichter wurde. Als wäre er mit Helium aufgepumpt worden, versuchte er allmählich, meine Hand nach oben zu ziehen. Ich dachte, es sei leichter, gegen diesen anzukämpfen als gegen den, der schwerer wird, doch gegen Ende des Rituals wurde es schwierig, mit den Füßen auf dem Boden zu bleiben.

Dann rutschte mir der Stein aus der Hand. Ich fiel zu Boden, dann durfte ich dabei zusehen, wie der kleine Stein in einer Spirale zum reinweißen Himmel aufstieg. Ich war so kurz vorm Ende und dennoch entglitt er mir. Das Ding, das mich beobachtete, kam mir mit jeder Sekunde immer näher. Als ich aufstand und versuchte, wegzulaufen, knallte ich gegen eine Mauer, obwohl ja nichts zu sehen war; alles war weiß und ich hatte keine Ahnung, wo ich war.

Als die widernatürliche Linie nahe genug an mir dran war, um mich berühren zu können, hörte ich, wie etwas auf dem Boden aufschlug, und das Ritual endete. Ich dachte, ich würde Glück bekommen, doch ich täuschte mich. Ich habe bereits die Regeln erklärt, also müsstet ihr es schon erraten haben, doch mein Leben geriet aus den Fugen. Eine Kündigung, eine fremdgehende Frau und versäumte Zahlungen; mein Unglück häufte sich.

Das würde so weiter gehen, bis ich den richtigen Stein aufheben und bis ans Ende schleppen würde. So läuft das Spiel, wenn man einmal daran teilnimmt. Es ist ein Leben mit außerordentlichen Höhen und Tiefen. Je mehr Rituale ich mache, desto öfter stoße ich auf Tore, und es ist so zermürbend. Ich bin mir nicht sicher, wie lange ich noch durchhalten kann. Selbst wenn ich das Glück bekomme, kann ich es nicht genießen, denn ich weiß, dass ich dessen wieder beraubt werde.

Mir ist jetzt sogar noch mehr bewusst. Selbst wenn ich das Ritual nicht ausübe und selbst wenn ich jedes Mal den richtigen Stein auswähle, beobachtet es mich. Es wartet darauf, dass ich schwach werde und aufgebe. Es wartet darauf, dass ich durch das Tor gehe –

zum allerletzten Mal.

 

Originaltitel: The stone gate ritual

Autor: AuthorJoJo

Link zum Original: https://www.reddit.com/r/nosleep/comments/da68h6/the_stone_gate_ritual/

Übersetzer: Creepostad M

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