Köstlich-Syndrom
Der erste bekannte Fall des Köstlich-Syndroms ereignete sich am 27. Juni 2014 in Bonn. Natürlich stürzten sich die Medien auf dieses Ereignis, weil es so grausig und verstörend war, allerdings blieben sie noch lange an der Geschichte dran, weil sie umso rätselhafter und merkwürdiger wurde, je mehr Einzelheiten bekannt wurden. An jenem Tag reagierte die Polizei zunächst auf eine Meldung, dass eine Gruppe Menschen eine Person in einer Seitengasse bei einer Einkaufsstraße angegriffen und schwer verletzt hatte. Als die ersten Beamten am Ort des Geschehens eintrafen, waren sie vom Anblick erschüttert. Mehr als ein Dutzend Leute standen um einen breiten Bürgersteig verstreut und alle waren in einem unterschiedlichen Schockzustand. Sie waren alle blutüberströmt und viel Blut war auf ihrer Oberbekleidung, ihren Armen, ihrem Gesicht und insbesondere waren sie auf den Händen und um den Mund herum mit Blut beschmiert. Einige von ihnen weinten laut, einige waren katatonisch, und ein paar Leute versuchten, sich zum Erbrechen zu bringen, indem sie sich einen Finger in den Hals schoben. Allerdings war dies nicht das Beunruhigendste an diesem Vorfall.
Mitten in der Gruppe lag die Leiche eines Menschen, obwohl
dies nicht gleich ersichtlich war. Die Leiche war in Stücke gerissen, ihre
Brusthöhle war aufgerissen, der Großteil ihres Gesichts war zerfetzt und einige
Glieder waren zerfleischt und gebrochen, wobei der rechte Arm tatsächlich vom
Rest des Körpers abgerissen und mehrere Meter weggezogen war. Am Verstörendsten
war jedoch die Art der Wunden. Aus einer oberflächlichen Überprüfung ging
hervor, dass die meisten Wunden auf der Leiche von menschlichen Zähnen
verursacht worden waren.
Mehrere Augenzeugen erzählten der Polizei später dieselbe
Geschichte. Das Opfer ging die Straße entlang und machte nichts Ungewöhnliches,
als es anhielt, um sich den Busfahrplan anzusehen. In diesem Moment blieben ein
paar Passanten, die an ihm vorbeigingen, stehen und richteten ihre Aufmerksamkeit
auf den Mann, der die plötzliche Beachtung nicht zu bemerken schien. Ein paar
Momente später, so laut Zeugenaussagen, sprangen die Passanten auf den Mann,
stießen ihn zu Boden zerfleischten ihn mit den Zähnen und den Fingernägeln. Die
Angreifer grunzten wie Tiere, als sie den Mann in Stücke rissen, wobei einige
Angreifer Fleischstücke ausbissen und verschlangen, während sich andere eine
große Handvoll Organe in den Mund stopften und sie verschlangen. Die mit
Abstand schlimmsten Schilderungen kamen von einigen Kunden eines Schuhgeschäfts
direkt gegenüber dem Ort des Angriffs. Einer hatte den Laden verlassen, und
schreiend schlug er mit einem langen Metallrohr nach den Angreifern, um sie zu
vertreiben, doch als er ein paar Meter weit weg vom Angriff war, blieb er
plötzlich wie benommen stehen. Einige Sekunden später ließ er die Waffe fallen
und schloss sich den Angreifern in der wild grausamen Zerreißung des Mannes an.
Am meisten entsetzte die Polizei jedoch das Verhalten der
Angreifer nach dem Anschlag. Nachdem er schon seit über einer Minute ablief,
hörten die Angreifer plötzlich auf. Einige Augenzeugen beschrieben, dass es so
aussah, als ob die Angreifer wieder zu Sinnen kamen und dann fingen sie an zu
schreien. Viele von ihnen kraxelten würgend vom toten Körper des Opfers weg,
während andere einfach zurückfielen und katatonisch wurden. Eine Angreiferin,
eine alte Frau, verlor das Bewusstsein und starb später an Herzversagen. Die
Polizei trieb alle Angreifer zusammen und brachte sie auf die Wache. Die
stundenlange Befragung und Hintergrunduntersuchung brachten nur noch mehr Rätsel
auf.
Die Menschen waren Fremde, ohne jegliche Beziehung
zueinander, abgesehen von ihrer Nähe zum Opfer, als der Angriff geschah. Sie konnten
nun größtenteils wieder verständlich reden, und zwar so verständlich wie man es
im Hinblick auf ihre Umstände erwarten konnte. Die meisten gaben ein tiefes
Ekelgefühl über ihre Tat zu erkennen, konnten aber nur unzureichend erklären,
was geschehen war, nur dass sie ein unkontrollierbares Bedürfnis überkam, den
Mann anzugreifen und aufzufressen, und dass ihnen sein Fleisch „köstlich“
schmeckte, und zwar bis zum Zeitpunkt, als sie wieder die Kontrolle über sich
selbst erlangten. Aufgrund dieser Aussagen erfanden die Ermittler den Namen
Köstlich-Syndrom. Schließlich wurden alle Täter stillschweigend zur Behandlung
ihrer „vorübergehenden Psychose“ in die Psychiatrie eingewiesen.
Nachrichtenorganisationen spekulierten wild über den
Angriff. Eine mordlustige Bande, ein geheimer Kannibalenkult, eine virale
Publicity-Aktion für einen neuen Zombiefilm und weitere Theorien waren während
der nächsten Wochen im Umlauf, bis zum zweiten Angriff. Diesmal ereignete er
sich auf einem Straßenmarkt in einem kleinen chinesischen Dorf und mehrere
Menschen waren beteiligt, die einen Verkäufer angriffen und auffraßen, als sie
in die Nähe seines Standes kamen. Derselbe Ablauf wurde beschrieben: Die
Menschen blieben plötzlich wie angewurzelt stehen, bevor sie den Mann
angriffen, und auf dasselbe plötzliche Ende der feindseligen Handlungen folgte
das Entsetzen seitens der Angreifer. Die staatlichen Medien machten sich
schnell daran, das Ereignis zu vertuschen, allerdings konnten sich Artikel
darüber über die üblichen Internetkanäle verbreiten.
Inzwischen waren bereits mehrere multinationale Behörden
beteiligt, die nach einem Muster in den Angriffen suchten, wobei der
Hauptverdacht auf einer unbekannten religiösen Sekte oder einem grausamen
Drogenkartell lag. Erst beim dritten Angriff, zehn Tage darauf, kam die
Wahrheit über die Angriffe allmählich ans Licht.
Der dritte bekannte Vorfall ereignete sich in London in
einem stark überwachten Bezirk der Innenstadt. Das Filmmaterial des Angriffs,
welches sich irgendwann im Internet verbreitete, zeigte dasselbe Angriffsmuster
wie bei den letzten zwei Vorfällen, doch diesmal gab eine Reihe von Ereignissen
einen weiteren Aufschluss über die Natur der Vorfälle. Der Angriff ereignete
sich bei einer belebten Straße und diesmal konnte sich das Opfer, ein fitter,
junger Mann, von seinen Angreifern losreißen und er rannte über die Straße.
Seine Angreifer verfolgten ihn, doch er und diejenigen, die ihn am dichtesten verfolgten,
wurden von einem Bus erfasst, als sie den Busfahrstreifen überquerten. Kurz
nachdem sie vom Bus überfahren und von ihm mehrere Meter über Straße geschliffen wurden, blieben diejenigen, die hinter ihnen waren, stehen. Es sah aus, als ob
das, was sie überkam, wegen des Unfalls von ihnen abließ, und sie schienen
wieder zu sich zu kommen, allerdings standen sie eindeutig unter Schock. Der
junge Mann selbst starb anscheinend beim Aufprall. Diese Aufnahme und eine
anschließende Autopsie führten zur Entdeckung der schrecklichen Wahrheit hinter
den Vorfällen.
Eine Autopsie mitsamt chemischer Analyse wies in der Leiche
des jungen Mannes eine unbekannte Chemikalie nach. Diese war überall im Körper
vorhanden, aber hauptsächlich im Blut und auf der Haut des Verstorbenen. Man
stellte fest, dass es sich bei dieser Chemikalie um eine bisher unbekannte
aromatische Kohlenwasserstoffverbindung handelte, die von seinem körpereigenen
Drüsensystem hergestellt worden war. Diese Chemikalie gelang über den Wind in
die Luft und durch die Mund- und Nasenschleimhaut in den Körper der Menschen in
der Umgebung. Dort sammelte sie sich in den Geruchs- und Hirnnerven an. Wenn
sie in einer ausreichend hohen Konzentration vorhanden sind, verursachen die
Kohlenwasserstoffmoleküle so etwas wie einen Kurzschluss in diesen
Nervenbahnen. Darauf folgt eine neurologische Kettenreaktion, durch die das mit
Hungergefühl verbundene Hirnareal überladen wird. Dies führt zur Überwältigung
des Bewusstseins, wodurch höheres Denken ausgelöscht wird und Betroffene in
einen triebhaften Zustand versetzt werden, in dem sie das Verlangen haben, die
Quelle des Geruchs zu verzehren. Die Kohlenwasserstoffverbindungen selbst sind
instabil und sobald die Moleküle mit der Luft in Berührung kommen, fangen sie
an, sich zu spalten. Dies begrenzte den Umkreis der Angreifer. Deshalb stellten
sie auch ihren Angriff nach dem Tod der Opfer ein, denn das Freilegen des
Innenlebens des Körpers setzte die Chemikalie der Luft aus, ohne dass eine
Quelle für Nachschub übrigblieb, wodurch sich die Chemikalie auflöste und so
ihr Einfluss nachließ.
Die Chemikalie war nur beim Opfer des Busunfalls aufgrund
der Umstände seines Todes nachweisbar. Als fassungslose Zeugen ihm zu Hilfe
eilten, war er bereits gestorben. Die Chemikalie in seinem ausgelaufenen Blut
und auf seiner Haut war genug geschwunden, sodass diejenigen, die sich dem toten
Körper näherten, nicht von ihr beeinflusst wurden. Aber weil das Erlöschen der lebenserhaltenden
Funktionen nicht durch den Verzehr der entsprechenden Organe einherging, war
noch genug Gewebe vorhanden, um Proben zu entnehmen und Spuren der Chemikalie
wurden gefunden.
Natürlich beschäftigten sich die Weltregierungen schnell mit
der Geheimhaltung dieser Forschungsergebnisse. Man begann, nach einer Ursache
für die Veränderung im Drüsensystem zu suchen. Man hegte den Verdacht, dass es sich
um Bioterrorismus handle, und weltweit versuchten Geheimdienste rund um die Uhr
ein Indiz dafür zu finden, dass die Krankheit von jemandem aus der üblichen
Verbrecherkartei gezüchtet wurde. Die Forscher versuchten fieberhaft, einen
Krankheitsüberträger in Lebensmitteln oder in der Luft zu finden, aber ohne
Erfolg. Weitere Vorfälle ereigneten sich, doch weder mehrten sie sich, noch
zeichnete sich ein gemeinsamer geographischer Standpunkt ab. Erst Ende 2015 trat
die Antwort zutage.
Seit Anfang 2014 zeichnen Astronomen ungewöhnliche
Partikelexplosionen tief im Weltraum auf. Diese hatten keinen eindeutigen
Ursprung und es gab nicht besonders viele, aber sie schafften es ab und zu in
die Nachrichten mit spitzfindigen Bemerkungen darüber, wie wenig wir doch über
subatomare Teilchen wissen. Die Wissenschaftler sammelten weiterhin Daten zu
diesen Partikeln, doch im September 2015 stellte ein spanischer Forscher im
Staatsdienst eine Korrelation zwischen diesen Explosionen und den Angriffen
fest, nämlich dass Explosionen allgemein in Gebieten aufgezeichnet wurden, wo
sich die Opfer Stunden vor dem Angriff aufhielten. Nachforschungen ergaben
dann, dass diese Partikel durch das menschliche Gehirn dringen und dabei einen
Prozess in Gang setzen, der eine Veränderung im menschlichen Drüsensystem bewirkt.
Diese Information löste eine Unruhe der Weltregierungen aus.
Sie gaben der Welt im Februar 2016 bekannt, dass das Köstlich-Syndrom existiere
und was seine Ursache sei, und sie versicherten den Bürgern der Welt, dass an
einer Lösung gearbeitet werde. Bis eine gefunden sei, empfahlen sie den Leuten,
luftfilternde Masken zu tragen, wenn sie sich im öffentlichen Raum bewegen.
Außerdem sollen sie neu entwickelte Geräte mit sich führen, die erkennen, wenn
der Körper anfängt, die Kohlenwasserstoffverbindung auszustoßen, sodass man Betroffene
schnell zur Quarantäne ins Krankenhaus bringt. Doch gerade da wurde es
problematisch.
Dank Tests an Erkrankten, die die Isolierstation schnell
genug erreichen konnten, bevor es zu spät war, wurde schnell klar, dass die Veränderungen
im Drüsensystem nicht rückgängig gemacht werden können, ohne tödliche
Reaktionen im menschlichen Körper auszulösen. Des Weiteren stellte sich heraus,
dass die hochenergetischen Partikel nur von Materialien aufgehalten werden
können, die sehr teuer und nur schwierig herzustellen sind. Mehrjährige,
ergebnislose Experimente konnten nichts an diesen zwei Faktoren ändern und es
gab kein Anzeichen dafür, dass es mit den Explosionen aufhören würde. Ein paar
Leute schlugen vor, die Partikelerkennungssysteme weiterzuentwickeln, doch
letztendlich entschied man, dass es sich nicht lohnen würde, da man verstand, dass
eine schnellere Lösung hermusste. Eine der wenigen guten Nachrichten war
jedoch, dass es auch kein Anzeichen dafür gab, dass mehr Explosionen aufkommen
würden.
Um weitere Angriffe zu verhindern, schrieben Staaten
gesetzlich eine Atemschutzmaskenpflicht vor, doch dieser wurde mit
überraschendem Widerstand entgegnet. Letztendlich war die Wahrscheinlichkeit doch
sehr gering, dass eine bestimmte Person jemandem im Hochstadium des
Köstlich-Syndroms begegnet; sie lag bei weniger als 0,0001% oder 1% von 1% von
1%, und zwar über die ganze Lebensdauer einer Person. Größer ist die
Wahrscheinlichkeit, vom Blitz getroffen zu werden, wie ein berühmter
Statistiker aufzeigte. Und deshalb wurden die Gesetze irgendwann aufgehoben.
Zunächst wurden sie von Kampagnen abgelöst, die Bürger zum freiwilligen Tragen
der Masken anspornten, doch dann wurde die Finanzierung eingestellt. Darüber
hinaus wurde argumentiert, dass es ungerecht sei, diejenigen zu bestrafen, die
diese Angriffe verübten, weil sie ja von der fremdartigen Chemikalie vom Körper
des Opfers beeinflusst waren und ihr nicht standhalten konnten. Schon bald
tauchten Gesetze auf, die das Köstlich-Syndrom zu einer passablen Verteidigung
vor Gericht machten, und die Angreifer erhielten sogar oftmals staatliche
Hilfen, um sie bei der Bewältigung des Traumas der Attacke zu unterstützen.
Das alles geschah vor Jahren, und jetzt, im Jahre 2037,
denken wir nicht viel darüber nach. Es ist nicht so, als würde man von einem
Auto angefahren oder von einem wilden Tier angefallen werden; es ist etwas,
das unvorhergesehen passieren kann. Durchaus leiteten wir als Gesellschaft
Maßnahmen ein, um damit fertig zu werden. Kleine Kinder werden schon in einem
jungen Alter über diese Krankheit in Gesundheitskursen unterrichtet, um sie vor
einer Traumatisierung zu wappnen. Man unterrichtet sie darüber, wie sich der
Hunger anfühlen würde, und dass die Angriffe aus rein wissenschaftlicher Sicht
nicht anders seien, als verzehre man rohes Fleisch. Diese seit 2020 bestehenden
Programme wurden von Experten entwickelt und konnten psychologischen
Langzeitschäden größtenteils vorbeugen. Es handelt sich ja letztendlich um
etwas Unbezwingbares. Man beobachtet nicht mal mehr die Explosionen. Man macht
nur noch Stichproben, um ihr weiteres Vorkommen zu bestätigen.
Erst seit letzter Woche jedoch kursieren im Internet
Nachrichten über einen Angriff in New York. Ein paar Teenager attackierten
einen Obdachlosen in einer Gasse und fraßen einen großen Teil seines Körpers
auf. Sie bestanden Tests mit dem Lügendetektor. Sie seien von einem gewaltigen
Bedürfnis überkommen worden, ihn zu verschlingen, und dass er ihnen köstlich ausgehen
habe. Allerdings ließen sie genug Gewebe für einen Köstlich-Test übrig.
Anscheinend war in der Leiche kein Indiz auf das Syndrom zu finden.
Tatsächlich gibt es in diesem Jahr mehr Angriffe. Und es
stellt sich heraus, dass die meisten Angreifer Teenager oder noch jüngere
Kinder waren. Alle erklärten, von einem überwältigenden Drang gepackt worden zu
sein, und dass jemand einfach nur „köstlich“ ausgesehen habe.
Originaltitel: Kystlich Syndrome
Link zum Original: https://creepypasta.fandom.com/wiki/Kystlich_Syndrome
Übersetzer: Creepostad M
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