"Keine Haut – keine Bedienung"
Wir nennen sie „Schäler“. Einige von ihnen sind Stammgäste,
andere kommen nur das eine Mal vorbei und gehen dann verheult, während sie eine
Blutspur über den Boden des Lokals ziehen. Was sie machen, ist das sogenannte „Schälen“,
und es ist der neue blöde Trend, auf den die Kinder heutzutage stehen. Lieber
wäre mir der Anblick, wenn sie an gesnieften Kondomen ersticken würden, statt
sich in unseren Toiletten zu schälen, weil die Kondome wenigstens keine blutige
Schweinerei machen würden. Soweit ich weiß, hat „Schälen“ nicht wirklich etwas
mit Selbstverletzung zu tun so wie Ritzen, sondern es ist eher ein Ritus, so
wie sich manche Kinder gegenseitig herausfordern, wer seine Handfläche am
längsten über eine Flamme halten kann. Im Falle des Schälens wird statt einer
Flamme ein Kartoffelschäler gebraucht, und man schaut, wer das längste Stück
Haut in einem einzigen Zug abschälen kann. Das Ganze ist auf so vielen Ebenen
bekloppt.
Normalerweise erkenne ich, wenn eine Gruppe im Begriff ist,
es zu tun. Über die Speisekarten hinweg, hinter denen sie sich verstecken,
werfen sie einander diesen Blick zu, als würden sie etwas ausfressen, und einer
nach dem anderen schleicht in die Toilette, wenn sie glauben, dass niemand
hinschaut. Meistens sind es Jungs, aber einige Mädels machen es auch. Ich
versuche, sie aufzuhalten, wenn ich kann, aber ein Babysitter bin ich nicht,
und ich habe zahlende Kundschaft zu bedienen, deshalb kann ich mich nicht immer
in ihren bescheuerten Pimmellängenvergleich einmischen.
Ich war damals besorgt, als sie vor ein paar Wochen mit dem
Schälen anfingen, stellte aber schnell fest, dass die meisten Kinder den
Schmerz doch nicht verkraften können. Sie brachten es für gewöhnlich nur
fertig, ein kleines Scheibchen abzuschneiden – in etwa so groß wie bei einem
versehentlichen Kratzer mit dem Daumennagel – jedoch sah ich mal einen Jungen
mit blutgetränkten Papiertüchern von seinem Handgelenk bis zur Hälfte des
Unterarms aus der Toilette rennen. Manche können den Schmerz wohl leichter ertragen
als andere.
Der Manager scherzte, er würde einen Warnhinweis mit der
Aufschrift „Keine Haut – keine Bedienung“ ans Fenster hängen. Das wäre aber in
etwa ein so gutes Abschreckmittel wie Bonbonpapiere an einem Schwanz.
Ich dachte schon, ich wäre inzwischen abgestumpft, eher
genervt als besorgt, aber gestern Abend wurde dieser kranke Brauch auf ein
neues Niveau gehoben. Wenn ich jetzt ungerührt erscheine, dann nicht, weil ich
desensibilisiert bin, sondern weil ich wahrscheinlich noch unter Schock stehe.
Es war ein belebter Abend im Restaurant, und deshalb war ich
nicht so aufmerksam, wie ich hätte sein können. Ich lief gerade von Tisch zu
Tisch und hatte mit Besoffenen und Kindern aus der High School gegenüber zu tun,
die nach dem Abschlussball für einen Happen da waren. Es hätte einem so
vorkommen können, als wäre die halbe Schülerschaft an diesem Abend zur Tür reingekommen.
Als wir schlossen, war ich so erschöpft und sehnte mich so sehr danach, nach
Hause zu kommen, dass ich vergaß, die Tür abzuschließen, bevor ich das Schild
mit „Offen“ auf die Seite mit „Geschlossen“ drehte.
Ich war hinten und kehrte gerade den Fußboden, als ich die Glocke
über der Tür läuten hörte. Als ich im Restaurant vorne ankam, war keiner da.
Ich dachte mir, dass derjenige, der die Tür öffnete, sah, dass der Laden leer
war, und dass es dunkel war, und deswegen ging er wieder zurück, auf der Suche
nach einem anderen Fastfood-Lokal. Die Toilette zu überprüfen, kam mir überhaupt
nicht in den Sinn.
Ich schloss die Vordertür ab und widmete mich wieder dem Kehren und ich sagte dem Koch, dass nichts passiert sei.
Ich hatte an diesem Abend am wenigsten Trinkgeld verdient – gerade
mal ein lausiger Dollar fünfzig fehlte – deshalb war es meine Aufgabe, die Toiletten
zu reinigen, während die anderen Kellnerinnen zur Hintertür rausgingen. Der
Manager war in seinem Büro, und sah sich das Inventar an oder so, und er
wartete, bis ich fertig war, sodass er abschließen konnte. Nichts kann einen
mehr dazu anspornen, sich zu beeilen, als der Chef, der auf einen wartet. Ich
machte das Mädchenklo in null Komma nichts sauber, dann schleppte ich eine
große Kiste mit Reinigungsutensilien in das viel dreckigere Klo der Jungs.
Als erstes fiel mir der Kartoffelschäler auf, der in dem
Pissoir lag, das am weitesten von der Tür entfernt war. Jemandes Mutter wird
sehr sauer sein, dass er verloren ging, dachte ich. Aber andererseits wurde der
Kartoffelschäler die ganze Nacht lang angepinkelt – wahrscheinlich, um das
Zielen zu üben – deshalb sollte er am besten nie wieder fürs Essen verwendet
werden. Ich schaufelte ihn mit einem Bausch Papiertüchern auf und warf ihn in
den Abfalleimer.
Dabei bemerkte ich den braunen Lederriemen, der unter einer
Trennwand hervorspitzte. Toll, dachte ich. Hört mal, wenn ihr Sex in der
Toilette eines Restaurants haben wollt, dann seid wenigstens so freundlich und
nehmt eure Sachen mit, wenn ihr rausgeht. Ihr habt keine Ahnung, wie viele
Socken und Höschen wir in einem Monat wegwerfen müssen. Eine Menge. Ich machte
wieder einen Bausch aus Papiertüchern, denn meine Hände sollten niemals etwas
anfassen, was auf dem Boden dieser Toilette war, und dann griff ich nach unten.
Lässt sich überhaupt irgendwie mein Gefühl beschreiben, als
ich es aufhob? Es hatte die Farbe und Größe eines Gürtels, es war so schwer wie
einer, war aber nicht so massig und steif wie ein richtiger. Es war, als hätte
ich ein bandförmiges Fruchtgummi aufgehoben, nur dass es warm und feucht war
und als ich es vom Boden aufhob, machte es ein glitschiges Geräusch wie ein
Tritt auf einen frischen Scheißhaufen an einem brütend heißen Sommertag. Ich
ließ es fallen und es landete schlaff auf dem Boden und verspritzte dabei einen
leichten Blutnebel auf die Fliesen und über meine Füße.
Es geschah automatisch; ich hatte etwas fallengelassen, deshalb wollte ich es instinktiv wieder aufheben. Ich bückte mich und ergriff den schlappen Gürtel, und als ich das tat, sah ich, dass er sich bis in den Stall erstreckte und er rollte sich zu einer unordentlichen Spirale auf. Sie war viel, viel größer als ein normaler Gürtel. Es war eher eine sehnige Decke. Ein Teil von mir wusste und verstand schon, was ich sah, aber als ich die Stalltür aufstieß, übernahm mein Reptilienhirn das Ruder und goss einen zähflüssigen Sirup tauber Ungläubigkeit über meinen Verstand. Ich zog weiterhin am Hautstrang und rollte ihn mit Leichtigkeit auf. Irgendwann war mir das Papiertuch abhandengekommen, dadurch kam ich mit dem glitschigen Fleisch in Berührung, als ich die Decke aufwickelte.
Es war ein einzelner, ununterbrochener Strang wie bei einer Kartoffel, die in einem einzigen Zug perfekt geschält wurde.
Mir war nicht mal schlecht. Ich tat auch so, als hätte ich
gerade einfach nur sauber gemacht, dafür war ich ja auch in der Toilette. Ich steckte
den riesigen Berg aus Haut in einen Müllbeutel und mit einem leeren Blick verließ
ich das Klo mit der Absicht, die Haut draußen in die Tonne zu werfen.
Doch dann bemerkte ich Blutspuren auf dem Boden, die ich vorher
übersehen hatte, weil die Kiste mit den Reinigungsutensilien die Sicht versperrt
hatte. Immer noch unter Schock stehend ließ ich den Beutel mit der Haut fallen
und ich folgte der Blutspur mit den Augen bis nach hinten zum Stall am Fenster.
Im trüben Licht konnte ich eine Gestalt sehen, die mich anstarrte. Eine Lache bildete
sich unter der Gestalt.
Sie lugte seitlich aus dem Stall hervor und ich danke meinen
günstig stehenden Sternen, dass das Licht zu schwach war, um sein Gesicht richtig
sehen zu können, doch mein Verstand konstruierte das Bild sowieso, basierend
auf Erinnerungen aus dem Anatomieunterricht.
Seine Bewegungen waren träge und schwerfällig hob er eine
Hand und schnippte mit den Fingern, oder versuchte es zumindest. Das Geräusch
war auch kein Schnippen, sondern ein Schmatzen saftiger Sehnen. Schwächlich
sagte er: „Die Speisekarte bitte.“
Ich wich zurück und ging Zentimeter für Zentimeter zum Büro
des Managers. Als ich die Schwelle seines Büros überschritt, hörte das Platschen
nasser, Kinderfüße, die durch eine Pfütze im Aufenthaltsbereich rannten. Ich
stammelte irgendetwas davon, die Bullen zu rufen, aber meine Worte ergaben
vermutlich keinen Sinn. Das Blut auf meiner Arbeitsuniform sprach für mich und
rasch schloss der Chef die Tür hinter mir und verriegelte sie.
Wir warteten zehn lange Minuten im Büro. Er, der versuchte,
mehr Informationen zu bekommen, und ich, die kaum imstande war, auch nur einen
einzigen kohärenten Satz zu formulieren. Als die Bullen endlich auftauchten,
war der Hautlose weg und hatte eine Blutspur bis zur Hintertür hinterlassen.
Wenigstens war er so nett, seine Haut mitzunehmen.
Originaltitel: No Skin, No Service
Autor:
Link zum Original: https://www.reddit.com/r/nosleep/comments/8tqb74/no_skin_no_service/
Übersetzer: Creepostad M
Lizenz:
https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/legalcode.de
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