Erinnert sich sonst noch jemand daran, als Kind die Treppe herunterzuschweben?
Also, in letzter Zeit lese ich in all den gespenstischen Subreddits, die ich finden kann – aus Gründen, auf die ich noch eingehen werde – und das weckte eine Erinnerung an etwas, von dem ich nicht glauben konnte, es vergessen zu haben. Es geschah, als ich etwa sechs war.
Ich wachte spät nachts auf. Es war nach Mitternacht, denn
meine Mutter war schon ins Bett gegangen (sie blieb damals spät auf und schaute unten im Wohnzimmer Fernsehen).
Das Haus war still und nur das Licht der Straßenlaternen
vor meinem Schlafzimmerfenster (ein riesiges, gewölbtes Ungeheuer), kam rein.
Mein Zimmer befand sich im zweiten Stock neben dem Badezimmer. Auf der anderen
Seite des Flurs, direkt neben der Treppe, war das Zimmer meiner Mutter. Sie
schläft immer mit offener Tür, immer. Ich erinnere mich nicht mehr, warum genau
ich aufwachte. Ich musste nicht pinkeln, ich war nicht durstig, im Zimmer war
es nicht zu heiß oder zu kalt und ich fühlte mich nicht krank, mir war nicht
schwindelig oder sonst etwas dergleichen. Ich war einfach… in der einen Sekunde
im Tiefschlaf und in der nächsten war ich hellwach.
Ich erinnere mich daran, dieses unerschütterliche Bedürfnis
zu haben, aufzustehen und zur Treppe zu gehen. Nicht die Treppe herunter in die
Küche für einen Happen, nicht ins Wohnzimmer, um heimlich eine spätnächtliche
Wuhusendung anzusehen, wie meine Mutter sie nannte, und auch nicht raus, um
frische Luft zu schnappen. Einfach nur zur Treppe, die vom ersten Stockwerk runter ins Erdgeschoss führte. Also tat ich genau das und etwas äußerst Bizarres
geschah.
Ich war auf einmal angefüllt mit einer unumstoßbaren
Selbstsicherheit, dass ich einfach die ganze Treppe runterspringen könnte –
welche insgesamt zwölf Stufen umfasste – und auf
dem Boden unversehrt landen zu können. Ich weiß wirklich nicht, was in mich fuhr. Ja, ja, ich war klein,
aber ich war nicht dumm (zumindest nicht so dumm). Ich wusste, dass ein Sturz
die Treppen runter wehtun würde, und dass ein Sprung die ganze Treppe runter
praktisch unmöglich wäre. Trotzdem schien mich die Treppe zu sich zu rufen, und
ich konnte es nicht abschütteln.
Und so… tat ich es.
Ich sprang.
Und, scheiße verdammt, ich schwebte die Treppen glatt hinab,
als wäre ich so etwas wie ein Gespenst gewesen, oder als hätte ich auf einmal
mein ganzes Gewicht verloren, oder als würde die Anziehungskraft nicht mehr
funktionieren. Ich landete, unversehrt, unten am Treppenanfang auf allen
vieren. Ich erinnere mich daran, vor Begeisterung zu lachen und die Treppe
hinaufzusteigen, um es wieder zu tun. Sobald ich aber oben ankam, bemerkte ich
etwas aus dem Augenwinkel, das mich innehalten ließ. Ich konnte gerade noch den
Umriss eines Menschen erkennen. Ich hatte gedacht, meine Mutter wäre in ihr
Zimmer schlafen gegangen, aber anscheinend war sie unten auf der Couch
eingeschlafen und von meinem Lachen aufgeweckt worden oder vom Knarren der Treppe, als ich hinaufging. Meine Mutter bewegte sich nicht, sie stand bloß
da und beobachtete mich.
Deshalb sagte ich: „Entschuldigung Mama, ich wollte nur die Treppe runterspringen.“
Und sie antwortete in einer verschlafen heiseren Stimme:
„Ich habe es nicht gesehen. Kannst du es nochmal machen?“
Eine ungute Vorahnung schlich sich allmählich in meinen
Bauch. Ich hatte das Gefühl, als würde ich bald Ärger bekommen. Ich wartete
einen Moment lang ab, dann rannte ich zurück in mein Zimmer, zurück ins Bett,
und das war’s. Meine Mutter sprach es nie an, also tat ich es auch nicht.
Jahre vergingen, und ich habe wohl die ganze Sache
vergessen. Ich ging inzwischen auf die Hochschule und zog wieder zurück nach
Hause, teilweise wegen meines Studiendarlehens und der überzogenen
Lebenshaltungskosten in der US-amerikanischen Stadt Denver, teilweise weil
meine Mutter meine Gesellschaft schätzt und das Heim meiner Mutter so
verdammt schön ist, schöner als jede andere Wohnung, die ich mir hier in der Gegend
hätte leisten können. Damit will ich sagen, dass ich wieder in meinem
Kinderschlafzimmer nächtige.
Die ersten paar Monate über geschah nichts allzu Merkwürdiges,
es sei denn, man zählt unsere komische, alte Nachbarin dazu, wie war ihr Name
noch gleich, die mitten auf dem Rasen im Innenhof um vier Uhr morgens miaute
oder den armen Kerl, der über ihr wohnte, anschrie (beides sind Geschichten für
wann anders). Kleine Randnotiz: Tatsächlich sah ich den Typen noch nie, der
Frau Wieheißtsienochgleich so viel Kummer bescherte, obwohl sie sich ja immer
darüber ausließ, wie unheimlich er sei (absurd, dass gerade sie das sagt)…
Allerdings sehe ich ab und zu sein Motorrad vorne geparkt. Wenn das nicht der
Fall wäre, hätte ich glatt geglaubt, sie hätte ihn einfach nur erfunden.
Wie dem auch sei.
Etwas geschah letzte Nacht, das bizarr genug war, dass ich
mich mit meinem alten Konto das erste Mal seit langer Zeit wieder anmelde, um
nachzusehen, ob jemand irgendeine Antwort hätte. Meine erste Entdeckung war,
dass viele Leute die gleiche Erinnerung haben, die Treppe hinab zu
schweben. Manche Leute sagen, es sei nur ein gewöhnlicher Kindertraum, viele
andere wiederum beharrten darauf, dass es wirklich passiert sei. In meinem Fall
habe ich jedenfalls Gewissheit, dass ich nicht träumte.
Meine zweite Entdeckung war, dass die Geschehnisse aus
letzter Nacht – und aus meiner Kindheit, nichts, ähm, Gutes waren.
Der Klarheit halber: Weder meine Mutter noch ich haben
irgendein Haustier, die Wände sind aus Beton und Stein, und nur ich und meine
Mutter sind im Haus. Wie gesagt, nichts Merkwürdiges geschah, seit ich wieder
eingezogen war. Keine kalten Stellen oder Schatten in meinem Augenwinkel oder
komische Geräusche in der Nacht (bis auf unsere Nachbarin). Nichts. Bis zur
letzten Nacht.
Es war spät und dunkel und still. Ich wachte plötzlich auf
und konnte nicht wieder einschlafen. Ich lag im Bett und las den Comic
„Hellblazer: The Devil You Know“ von diesem verfuchsten John Constantine und hörte
mir Ambient-Klänge an, als ich plötzlich von draußen höre, wie meine Mutter
meinen Namen rief. Nun ja, ich trage einen sehr seltenen und ungewöhnlichen
Namen, deshalb wusste ich, dass ich nicht jemand auf der Straße war, der jemand
anderen rief. Ich hörte auf zu lesen, stellte die Ambient-Musik leise, und
hörte hin. Es war definitiv meine Mutter und sie rief definitiv nach mir, aber
es hörte sich nicht an, als wäre sie irgendwo im zweiten Stock; es hörte sich
an, als wäre sie unten in der Küche oder im Wohnzimmer. Natürlich fand ich das
ziemlich komisch, aber, weiß nich‘, ich dachte mir, sie hätte gerade eine Maus
gesehen oder wollte, dass ich einen Blick auf unsere Nachbarn erhasche oder
sowas.
„Was?“, fragte ich.
Sie rief mich nicht mehr, und es war kurz totenstill, dann zischte sie: „Hierher!“
Ich seufzte: „Wohin?“
„Hier runter!“
„Wieso?“
„Komm halt!“
„Ach, na gut.“ Ich rollte aus meinem Bett. Sobald meine
Sohlen den harten Holzboden berührten, brodelte ein ganz komisches Gefühl in
meinem Bauch auf. Es war wie Aufregung, aber keine gute. Wie eine Art
Vorgefühl, das man bekommt, bevor die Achterbahn runtergeht. Es fühlte sich ein
bisschen so an, als würde ich schweben. Ich trat aus dem Zimmer und machte mich
auf den Weg den Flur herab.
„Beeilung“, zischte meine Mutter, „und lass das Licht aus!“
„Äh, klaro.“ Ich ging ums Eck zur Treppe und sah mit
zusammengekniffenen Augen hinunter.
Dort, nah am Treppenanfang, war eine schattige Gestalt. Sie
hatte definitiv die Form meiner Mutter, aber irgendwas… stimmte mit ihr nicht.
Ich weiß nicht so recht, wie ich es beschreiben soll. Als wären ihre Arme ein
bisschen zu lang und ihre Beine waren zu knorrig. Sie hielt etwas Viereckiges.
„Komm runter und sieh dir das an“, sagte sie.
Bevor ich jedoch gehen konnte, war ein sanftes Grunzen
hinter mir zu hören. Das war seltsam, weil, nun ja, meine Mutter stand genau
vor mir. Ich fuhr herum und spähte ins Zimmer meiner Mutter, rechnete mit dem Schlimmsten,
machte mich gefasst auf das Schlimmste.
Dort, mit der Bettdecke zugezogen, eingeschlafen, war meine
Mutter.
„Äääähhh“, sagte ich, unfähig, irgendetwas anderes von mir
zu geben, weil mir das Herz bis in den Hals schlug.
Die Schattenform meiner Nicht-Mutter stand immer noch am Treppenanfang. Sie winkte mit dem glänzenden, eckigen Ding.
„Das bin nicht ich. Schnell, komm runter, bevor es zu spät ist!“
„Äh“, sagte ich wieder und schluckte. „Mit mir wird das nichts, Alter.“
Ich knipste das Licht im Flur an und die schattige Gestalt
verschwand auf der Stelle. Das eckige Ding fiel mit einem Poltern auf den
Holzboden.
„Ah“, sagte meine echte Mutter in ihrem Zimmer mit ihrer verschlafen schwachen Stimme, „was machst du? Wie spät ist es? Mach das Licht aus.“
„Nichts, nichts“, antwortete ich und knipste das Licht
wieder aus. „Entschuldige.“
Die schattige Nicht-Mutter war weg. Vermutlich wurde sie vom
Licht besiegt oder so. Da bin ich mir nicht sicher und ich bin irgendwie echt
panisch, dass sie zurückkehren könnte. Ich ging zurück in mein Zimmer, zurück
in mein Bett, und versuchte, es zu vergessen. Offensichtlich konnte ich das
nicht, was mich dazu verleitete, nach dem Scheiß auf Reddit zu suchen bis in
aller Herrgottsfrühe, und das wiederum verleitete mich dazu, das hier zu
reinzuschreiben.
Meine echte Mutter war es – denke ich, ich bin mir ziemlich sicher – die es am nächsten Morgen ansprach. Sie sagte: „Wieso hast du letzte Nacht das Licht angemacht? Hast du vergessen, dass du hier noch mit jemand anderem zusammenwohnst?“
Ich schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, entschuldige, ich dachte nur, ich hätte eine Maus gehört oder sowas.“
„War es Frau Wieheißtsienochgleich?“
„Die Nachbarin? Nee.“
Meine Mutter schwieg einen Moment lang mit den Lippen über dem Tee geschürzt. „Was hast du dann letzte Nacht da unten gemacht? Hast du den Typen bespitzelt, den Frau Wieheißtsienochgleich hasst?“
Ich erstarrte, dann entgegnete ich: „Was? Äh… nein!“
„Ach“, fuhr sie fort, „das ist komisch. Ich habe dich unten gehört. Es hat sich angehört, als hättest du geweint oder vielleicht auch gelacht. Ich hatte vor, nach dir zu sehen, aber du hast mir gesagt, ich solle weggehen.“
„Das ist komisch“, sagte ich. Ich nahm einen kleinen Schluck Kaffee, wodurch ich versuchte, mir selbst vorzugaukeln, gelassen zu sein. „Du hast wahrscheinlich bloß geträumt.“
Meine Mutter sah mich ungläubig an.
„Was??“, fragte ich.
„Ich fand dies am Fuße der Treppe heute Morgen.“ Sie deutete auf etwas von mir gegenüber. Es war ein Bilderrahmen. Das Glas war in der Mitte eingebrochen, doch das war nicht, was mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ich nahm es, und konnte nicht glauben, was ich sah. Das Foto darin war von meiner Mutter und mir etwa während einer Zeit, zu der ich die Erinnerung hatte, als ich die Treppen herunter schwebte. Beiden von uns wurden die Gesichter ausgeschnitten.
„Gibt es etwas, das du mir nicht erzählst?“, fragte meine Mutter, während sie mir ins Gesicht sah. „Ist alles in Ordnung?“
Ich sah zu ihr auf. „Das habe ich nicht getan.“
Sie hob eine Braue.
„Schau mal, Mama, ich schwöre, dass ich das nicht getan
habe.“
„Hmm“, fing meine Mutter an, doch bevor sie irgendetwas
anderes sagen konnte, klopfte es laut an der Tür. Meine Mutter rollte mit den
Augen und brabbelte: „Es ist Frau Wieheißtsienochgleich“, und dann ging sie, um
aufzumachen.
Wir redeten seitdem nicht mehr darüber und abgesehen vom
ruinierten Foto passierte sonst nichts Merkwürdiges mehr.
Also ja. Entweder werde ich irre oder ich wohne zusammen mit
einer Art empfindungsfähigem Höllenwesen aus der Unterwelt, das Licht und
glückliche Familienfotos hasst. Ich weiß nicht wirklich, was zu tun ist. Das
Haus weihen, wahrscheinlich. Hoffentlich
wird meine Mutter mir erlauben, heute Nacht das Licht anzulassen, und auch wenn
es sich dumm und verschwenderisch anhört, wird das Licht hoffentlich hell genug
sein, damit das Ding wegbleibt, aber… ich bin ratlos.
Ich hoffe doch wirklich, wirklich, wirklich, dass das Ding
nicht zurückkommt… aber wenn doch… habt ihr Leute dann, außer das Haus
abzufackeln, umzuziehen oder einen Kohlenstoffdioxidsensor (wir haben schon
einen) noch irgendwelche Vorschläge?
Link zum Original: https://www.reddit.com/r/nosleep/comments/dbe837/does_anyone_else_have_a_memory_of_floating_down/
Autor: darthvarda
Übersetzer: Creepostad M
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